Maddalena Fingerles Roman „Mit deinen Augen“ aus dem Jahr 2025 beschreibt eine fesselnde Geschichte, die einen irritiert und zu gleich nicht loslässt. Die Handlung muss man auf sich wirken lassen, das wird schnell klar. Auch wenn der Klappentext schon einen kurzen Einblick in die Story gibt und man nicht ins kalte Wasser geworfen wird, ist es besonders die erste Verwirrung, die das Buch auslöst, die einen dazu bringt, unbedingt weiter lesen zu wollen.

Worum geht´s?
Die Protagonistin ist Gaia. Eine junge Frau, die gerade von ihrer Ex-Freundin Veronica verlassen wurde. Für Gaia war Veronica die große Liebe. Doch jetzt muss sie sich eingestehen, dass das wohl nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Nach ihrer Trennung bricht Gaias Leben zusammen und sie erträgt die Leere in ihrem Leben, die Veronica hinterlassen hat, nicht länger. Aus dem Gefühl von Einsamkeit und Schmerz heraus beschließt sie, wie ihre Ex-Freundin zu werden, und das innerlich sowie äußerlich. Sie kleidet sich wie sie und wendet sich in ihren Gedanken immer wieder an Veronica. Sie kapselt sich von ihrer eigenen Persönlichkeit ab und begibt sich in eine gefährliche neue Welt, bei dem Versuch sich selbst zu vergessen.
Maddalena Fingerle
Die Autorin des Romans ist die 32-jährige Maddalena Fingerle. Sie ist eine italienische Schriftstellerin, Romanistin und Germanistin. In München studierte sie Germanistik sowie Italianistik. Ihr Debütroman „Lingua Madre“ zu Deutsch „Muttersprache“ aus dem Jahr 2021 gewann gleich mehrere Preise, darunter auch den „Italo-Calvino-Preis“.

Ein kurzer Einblick
Die Protagonistin Gaia ist eine junge Frau mit italienischen Wurzeln, die sich oft vor den Leser*innen zu verstecken scheint. Sie ist nicht wirklich greifbar und befasst sich mehr mit dem Inneren von anderen Personen, als mit ihrem eigenen. Menschen, die sie neu kennenlernt, beobachtet sie und zieht Schlussfolgerungen aus ihren Handlungen und ihrem Aussehen. Fremde Menschen scheinen dabei durch ihre Beschreibungen fast nahbar zu werden. Auch wenn es alles nur Geschichten und Vermutungen sind. Sie lernt die Menschen nicht kennen, da sie schnell der Meinung ist, die Menschen bereits zu kennen.
Besonders Iwan, oder wie sie ihn nennt, Joe, denn er sieht ihrer Meinung nach eher aus wie ein Joe, hat es ihr angetan. Joe hilft ihr dabei, ihre Wohnung auszuräumen. Während er arbeitet, beobachtet sie ihn. Sie beschreibt Joe als stark und mit breiten Schultern. Am auffälligsten sind aber die Brandnarben, die seinen Körper zieren und sie stellt sich vor, wie er ein kleines Mädchen oder einen Welpen aus einem brennenden Haus gerettet hat. Sie heroisiert ihn, vergleicht ihn immer wieder mit sich selbst und scheint eine emotionale Verbindung zu Joe durch ihre eigene Vorstellungskraft aufzubauen.
„Ich kann nicht anders als die Brandnarben auf seinen Armen anzustarren. Ich liebe Brandnarben und Dehnungsstreifen. Eigentlich alle Körpermale.“ (S.6)
Ihre Beziehung zu Veronica
Am wichtigsten ist jedoch Veronica. Gaias Ex-Freundin taucht zwar in dem Roman selbst kaum auf, trotzdem ist sie die Person, die Gaia versucht zu sein. Sie ist nicht nur von ihr beeindruckt oder fasziniert. Ihr Wahn, wie ihre Ex-Freundin zu werden, hat dabei fast etwas Obsessives. Als würde sie die Lücke in ihrem Inneren füllen wollen, die die Trennung von Veronica hinterlassen hat, indem sie durch sich selbst dieses Loch füllt. Ihr Therapeut Emilio sieht ihr Vorgehen dabei als nichts Schlechtes, sondern als ihre Art, mit Schmerz und Verlust umzugehen und die Leere in ihr zu füllen.
„Ich ziehe die Jeans-Hotpans mit dem hohen Bund an, ich hoffe, sie bekommt keine Flecken, ein Top aus roter Seide, die platinblonde Bob-Perücke, die meine Haut kitzelt. Meine Haare sind jetzt glatt und seidig, sie fallen so wie bei dir. Ich streiche darüber und habe keinen Zweifel: Sie sind perfekt.“ (S.12)
Dass der Charakter von Gaia sehr komplex ist, wird nicht nur durch ihre Beziehung zu Veronica ersichtlich. Auch der Einblick in ihre familiären Verhältnisse und das Zusammenspiel von ihren reichen Eltern, ihrem Bruder und sich selbst zeigt die Belastung, die Gaia täglich mit sich trägt. Immer wieder gibt es einen Wettkampf, eine Konkurrenz zwischen ihr und ihrem Bruder, den sie nie zu gewinnen scheint. Dass sie nicht studierte, geschweige denn ein Abitur hat, war die erste Enttäuschung für ihre Eltern. Nachdem die Liebe und Leichtigkeit in Form von Veronica aus ihrem Leben verschwindet, fühlt Gaia sich in dem Verhältnis zu ihren Eltern immer weiter unter Druck gesetzt und vermisst Veronicas Gelassenheit mehr denn je.
Wendepunkt einer Obsession
Als Gaia erfährt, dass Veronica sich mit einem Mann verlobt hat, versucht auch sie, sich auf einen bereits bekannten Mann in ihrem Leben einzulassen.
„Ich komme aus der Dusche und rieche nach dir, trage Shorts aus Jeansstoff, grüne Augen und einen blonden Bob. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Valerio so auf mich steht, einfach weil ich ihn an dich erinnere, und vielleicht stimmt es gar nicht, dass ich hübscher bin, vielleicht bin ich einfach wie du, aber leichter zu kriegen, schwächer.“ (S.99)
Dass sie wenig echte Begeisterung, geschweige denn Gefühle für Valerio empfindet, bleibt kein Geheimnis. In ihren inneren Monologen befasst sie sich nur mit Valerio, wenn sie zeitgleich auch an Veronica denkt. Sie möchte nur wissen, was Veronica davon hält, dass sie beide Zeit miteinander verbringen. Valerio spielt in all dem eine eher unbedeutende Rolle. Sie toleriert ihn, braucht ihn, um ihre neue Persönlichkeit zu perfektionieren, gefallen findet Gaia an ihm aber nicht. Sie verrennt sich durch ihn immer weiter in einer Person, die nicht sie selbst ist, ohne dabei glücklich zu sein oder die so vermisste Gelassenheit von Veronica in ihrem Leben zu spüren.
Wie ihr Verhältnis zu Veronica und sich selbst weitergeht, könnt ihr in Maddalena Fingerles Roman „Mit deinen Augen“ erfahren.
Meine Meinung zu dem Buch
Die Story hat mich sofort begeistert, weswegen ich das Buch unbedingt lesen wollte. Es ist ein spannender Roman, der sich sehr flüssig lesen lässt. Ein passendes Einsteigerbuch, um mal wieder mit dem Lesen anzufangen, bevor man sich an die eingestaubten Klassiker macht. Die Handlung ist spannend und auch die einzelnen Personen, die durch Gaia immer wieder einen Platz in der Handlung finden, geben dem Roman etwas sehr menschliches. Die Autorin hat ein gutes Gefühl für das Innere von Personen und gibt es in einer Feinheit wieder, die die Charaktere sehr lebendig wirken lässt.
„Ich liebe Chlor, habe es schon immer geliebt. Vielleicht, weil ich mich selbst wie Chlor fühle. Ich liebe auch Wasserstoff, denn der bist du. […] Chlor sei, wie ich, unersättlich und ganz tot, aber sobald man es mit Wasserstoff in Verbindung bringt, würde es nur für ihn zum Leben erweckt. Der einzige Zweck seiner Existenz sei es, sich mit Wasserstoff zu verbinden, der ganze Sinn meines Lebens ist es, mich mir dir zu verbinden.“ (S. 57f.)
Ob ich das Buch weiterempfehlen würde? Auf jeden Fall. Die Charaktere sind vielschichtig, die Story schräg und oft fragwürdig und vielleicht genau kann man genau deswegen nicht aufhören, Gaias Verwandlung zu folgen. Das Buch hält einen in ihrer Welt gefangen und der Wunsch nach mehr steigt auf jeder Seite. Maddalena Fingerle zeigt durch die Protagonistin auf eine neue Art, wie mit Trennung und Verlust umgegangen werden kann und welchen Einfluss Schmerz auf das Innere einer Person haben kann.
Lana Corzelius



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