Extra, Extra, Extra – das ist Nell aus Bremen. Pronomen nutzt er alle, denn für Verwirrung sorgen tut sie gerne. Unter dem Künstler*innennamen „Extraordinell“ macht Nell Musik. Besonders das Genre Rap hat es Nell angetan, obwohl sie zuerst ganz andere Pläne hatte.
Musik hat Nell schon immer interessiert. Wäre es nach ihr gegangen, würde sie sich allerdings viel mehr mit der Kunst des Jazz´ auseinandersetzen. Zum Rap ist Nell nur durch deren Bruder gekommen. Denn ein Gefühl für Wörter hatte Nell schon immer und das merke auch ich bei unserem Gespräch. Und wo kann man besser das eigene Verständnis von Sprache anwenden, als im Rap?
Der Weg zur eigenen Musik
In den letzten Jahren hat das eigene Erstellen von Beats eine immer wichtigere Rolle in Nells Musik eingenommen. Seit circa zwei Jahren bringt sich Nell daher Stück für Stück die Technik hinter der Produktion selbst bei. Der Grund dafür? Die eigene Unabhängigkeit. Der Rap ist weiterhin durch eine Vielzahl an Männern geprägt, die nicht davon begeistert sind, wenn frau die gleichen Techniken beherrscht wie sie. Nell war es leid auf die Arbeit anderer warten zu müssen, wenn sie die Aufgabe doch selber machen könnte. Auch wenn Technik nicht zu ihren Stärken gehört, findet Nell sich langsam auch in diesem Teil der Musikproduktion ein.

Neben dem Rap schreibt Nell gerne Gedichte und Poesie und beschreibt es als eine Form der Therapie, die Nell hilft, den Zugang zu ihren Texten zu finden. Ein Journal hat Nell hingegen nie geführt, dafür war Musik und Poesie ihr Sprachrohr für Gefühle als Ort der Heilung. Musik ist dabei Nells Hauptaugenmerk und sein Weg ihre Vergangenheit zu verarbeiten.
Nells besonderer Antrieb zum Schreiben – Wut. Ganz nach dem Motto: „Anger gets shit done“.
Lange hatte Nell Angst vor ihrer eigenen Wut, doch mit der Zeit breitete sich ein tieferes Verständnis für diese Emotion aus. Ihr wurde bewusst, dass hinter all dieser Wut eine riesige Ansammlung an Traurigkeit zu finden war.
„Wut ist eine Emotion die man rauslassen darf, sollte und muss. Die Frage ist dann, in welchem Rahmen. Schlag ich jemandem ins Gesicht oder setz ich mich hin und schreib´ einen Dissrap.“ – Nell
Ein Weg, um für Nell seine Musik zu produzieren, ist sich die Zeit zu nehmen und einfach mal alleine zu sein. Nell fällt es leichter, sich im Rap und ihren Texten auszusprechen als in einem wirklichen Gespräch. Durch die Musik zeigt Nell jedem*jeder, wer sie ist, was in ihm vorgeht und das völlig frei.
„Niemand kann mich heilen, das kann nur ich selber.“ – Nell
Wenn Musik und Poesie nicht hilft, ist Meditation und Glaube ein großes Spektrum, was Nell dabei unterstützt, runterzukommen. Durch ihr ADHS wird Entspannung und Fokus oftmals zu einer großen Herausforderung. Doch Nell ist es wichtig, die Ruhe in sich selbst zu finden und sich auf diese zu konzentrieren, ganz besonders mit Blick auf die eigene Gesundheit.
Die schönste Erinnerung
Nell verbindet viele Momente mit Musik. Doch die schönste Erinnerung, das schönste Erlebnis, war ein selbst organisiertes Festival von Freund*innen: Nachdem ein*e andere Künstler*in den Auftritt absagen musste, durfte Nell den Platz einnehmen. Überall waren Licht und Nebel und plötzlich fingen die Menschen vor der Bühne an, Nells Texte mitzusingen. In dem Moment wurde Nell bewusst, dass Musik keine einseitige Sache ist, sondern ein Geben und Nehmen zwischen Artist und Publikum.

Mentale Gesundheit
Mentale Gesundheit ist für Nell ein wichtiges Thema, welches vermehrt in ihren Texten behandelt wird. Nicht nur ihre eigene mentale Gesundheit spielt für Nell eine entscheidende Rolle – Nell ist ebenfalls die allgemeine Förderung dieses Themas bewusst, besonders mit dem Blick auf Kinder, die laut ihm unsere Zukunft bilden.
„Wenn wir nicht an Kinder denken und nicht schauen, wo wir bei den kleinsten zuallererst einen wirklichen Unterschied machen können, haben wir einfach verkackt als Gesellschaft. Dann hat Politik auf allen Ebenen verkackt. Wenn der Fokus nicht da liegt, weil das ist immer unsere Zukunft.“ – Nell
Sie wünscht sich eine Reformation des Schulsystems, in dem Kinder lernen, was Smartphones für sie bedeuten. Dass sie wissen, wie sie mit dem unendlichen Wissen auf den Geräten umgehen müssen und ein Verständnis davon bekommen, dass nicht alle Informationen der Wahrheit entsprechen. Kinder müssen Bescheid wissen, um zu verstehen, was sie in der Zukunft besser machen können, und das können sie laut Nell nur, wenn man es ihnen beibringt.
Musik als Aktivismus?
Das Zusammenspiel von Rap und Politik spielt bei vielen Rapper*innen eine wichtige Rolle – so auch bei Nell. Rap spiegelt die Gesellschaft wider, sagt Nell. Besonders Frauen dürften noch „heftiger“ werden und noch lauter sein „weil die Balance off ist und Männer soviel Raum einnehmen mit ihren Meinungen. […] Ich möchte mehr Frauen am Mikrofon sehen, das interessiert mich.“
Allerdings fällt ihr bei vielen anderen Künstler*innen vermehrt die Begierde nach Geld und gutem Aussehen auf. Das Gefühl von Gemeinschaft und Liebe scheint zu schwinden, obwohl gerade das laut Nell so wichtig sein sollte. Das Marketing dieser Artists würde sich dabei kaum auf Nächstenliebe und Fürsorge konzentrieren und dadurch die falschen Werte an Kinder und Teenager vermitteln, die sich besonders davon stark beeinflussen ließen.
Musikpläne für die Zukunft
In Zukunft möchte Nell eine Förderung beantragen, um eine richtige EP veröffentlichen zu können. Ebenfalls ist eins der noch anstehenden Ziele das Drehen eines Musikvideos, sowie die Zusammenarbeit mit Personen, die ihren Rap weiter mixen und mastern können.

Wer jetzt schon jetzt Lust hat, Nells Musik zu hören, kann das auf allen Musikplattformen tun (zukünftig werden keine neuen Projekte auf Spotify mehr hochgeladen) oder ihr kommt zu ihrem live Auftritt in der Schwankhalle am 14.12.2025.
Abschlussworte
„Liebt einander. Aber liebt erstmal euch selbst […] Wenn du dich liebst, dann musst du nicht mehr jemand anderen hassen.“ – Nell
Lana Corzelius



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