Stelzenläufer*innen erschaffen mit ihren Kostümen, Gesten und Geschichten kleine Welten und magische Momente, die bleiben. Svenja Grad ist seit knapp drei Jahren freiberufliche Stelzenläuferin bei der Bremer Agentur Stelzen-Art. Parallel dazu studiert sie Tanz und Theaterpädagogik. Im September hat Svenja uns in der Redaktion besucht und wir haben unter anderem über ihre Anfänge im Stelzenlauf und ihre Lieblingsmomente gesprochen.

Ein kurzer Blick in die Geschichte des Stelzenlaufs
Der Stelzenlauf lässt sich nicht auf eine bestimmte Epoche oder Region zurückführen. Unabhängig voneinander hatten verschiedene Völker die Idee, Stelzen zu nutzen, um rituelle Tänze zu performen oder schwer begehbares Gelände zu durchqueren. In der römischen Antike galt der Stelzenlauf als beliebtes Kinderspiel. Auch bei den Mãori in Neuseeland war es verbreitet – Jugendliche trugen Wettrennen darauf aus und lieferten sich spielerische Kämpfe. Vermutlich nutzen auch die Maya in Südamerika Stelzen zu rituellen Zwecken im Rahmen religiöser Zeremonien. In China hingegen hatten Stelzen zunächst einen praktischen Nutzen: Sie halfen Menschen bei der Arbeit in der Landwirtschaft. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus eine künstlerische Ausdrucksform. Heutzutage ist der Stelzentanz in China eine feste Tradition und Bestandteil von Frühlings- und Volksfesten.
Im Februar 2024 schaffte es das Volk der Karbi ins Guinnessbuch der Rekorde. 721 in Trachten gekleidete Menschen liefen im Gleichschritt und auf Stelzen zehn Minuten lang in einer zwei Kilometer langen Reihe.
Seit mehr als 600 Jahren findet in der belgischen Stadt Namur jährlich ein Wettkampf statt, bei dem zwei Teams auf Stelzen gegeneinander antreten. Ziel ist es, alle Mitspieler*innen der gegnerischen Mannschaft zu Fall zu bringen. Im spanischen Dorf Anguiano tanzen Männer seit dem 17. Jahrhundert auf 50 Zentimeter hohen Stelzen eine steile Gasse hinunter.
Wie bist du zum Stelzenlauf gekommen?
Svenja Grad: Eine Kommilitonin von mir war bereits bei Stelzen-Art und ich fand es super cool und habe sie gefragt, ob ich da mitmachen kann. Dann hat sie mir die Adresse gegeben, ich habe dorthin geschrieben und eine Woche später hatte ich das erste Training.
Davor stand ich schon einmal auf den Stelzen zum Festhalten, die mir ein Freund gebaut hatte. Die fand ich schon ganz cool, aber das kann man nicht mit den professionellen Stelzen vergleichen, weil man sich bei denen nicht festhält und sich dadurch anders bewegt. Deswegen hat mich das nicht so abgeholt. Ich hatte auch kein Bedürfnis, sehr hoch zu sein. Ich hatte vor allem Lust auf Straßenkunst, also diese Art und Weise, Menschen auf der Straße zu verzaubern, und auch dieses Tour-Gefühl, das wir in der Stelzen-Agentur haben, weil wir viel unterwegs sind.
Ein sehr hilfreicher Satz […] für mich war, dass es immer eine Entscheidung gibt, ob man fällt oder nicht. Vor dem Fall gibt es einen kleinen Moment, in dem man entscheiden kann, die Balance wiederzufinden oder zu fallen. – Svenja Grad
Was fasziniert dich am Stelzenlauf?
Svenja Grad: Zum einen gemeinsam mit anderen Menschen Straßenkunst zu machen und dadurch andere zu begeistern. Zum anderen aber auch, eine Atmosphäre zu verändern. Du kommst mit dieser Stelzen-Figur an einen Ort, zu einer Veranstaltung, in einen Raum und du merkst sofort, wie sich etwas in der Aufmerksamkeit und in der Mimik der Menschen verändert. Ihre Gesichter werden auf einmal ganz sanft.
Wie trainierst du für den Stelzenlauf?
Svenja Grad: Ich hatte das erste Training mit meiner Chefin, Janine Jaeggi von Stelzen-Art. Zuerst haben wir am Boden geübt, um ein Gefühl für den Bewegungsradius zu entwickeln – also dafür, wie weit man mit den Beinen austreten kann. Ein sehr hilfreicher Satz von Janine war, dass es immer eine Entscheidung gibt, ob man fällt oder nicht. Vor dem Fall gibt es einen kleinen Moment, in dem man entscheiden kann, die Balance wiederzufinden oder zu fallen. Am Anfang konnte ich noch nichts damit anfangen. Mittlerweile bin ich schon ein paar Mal gestolpert und ich habe diesen Moment bisher immer gespürt. Das ist ein ganz wichtiger Grundsatz, den man verinnerlichen kann. Auch geht es darum, dass man selbst die Verantwortung trägt. Wenn viele Leute um einen herum sind, kann man nicht davon ausgehen, dass sie einem ausweichen. Das ist auch eine Haltungssache. Dann ist es das Erlernen und das Wiederholen der Technik. Mir ist es anfangs so vorgekommen, als würde ich noch einmal Laufen lernen. Als erstes habe ich drinnen mit festhalten geübt, danach bin ich rausgegangen und dann habe ich gemerkt, wie mich das Licht beeinflusst, dass ich Töne anders wahrnehme. Generell stellt sich die Frage, wie sich dieser große Körper zum Raum verhält. Dann habe ich mich alle zwei Tage auf die Stelzen gestellt und habe geübt.
Wie lang war die ungefähre Zeitspanne vom ersten Training bis zum ersten Auftritt?
Svenja Grad: Ich hatte relativ schnell die ersten Auftrittstermine. Das waren ungefähr fünf bis sechs Wochen. Man wird da ziemlich schnell reingeschmissen. Es hat ein paar Auftritte gedauert, mich daran zu gewöhnen, denn ein Auftritt ist ganz anders als das Training. Ich finde das Laufen schon auch anspruchsvoll. Jeder Auftritt ist sehr unterschiedlich. Es kommt auf den Boden an, spielt man im Hellen oder im Dunkeln. Im Dunkeln ist es eine besondere Herausforderung, auch wenn wir Gesichtslichter haben. Vergangenes Wochenende hatte ich einen extrem fordernden Auftritt. Es war komplett dunkel, der Boden war matschig, da lagen riesige Steine – es war also echt gefährlich. Trotzdem muss man die Haltung bewahren und Lächeln, obwohl man sich gerade denkt: „oh weia“. Die Kostüme machen sehr viel aus. Da gibt es große Unterschiede: Kostüme, die nach oben gehen, wenn Wind weht, wenn es regnet, wie viele Leute um einen herum sind, quatschen die Leute die ganze Zeit mit einem, sind Kinder da, die einem die ganze Zeit zwischen den Beinen herumlaufen wollen. Diese ganzen Faktoren spielen mit rein. Ich fühle mich mittlerweile super sicher beim Laufen, aber es gibt immer noch Momente, in denen ich mich sehr stark konzentrieren muss.

Wie lange kannst du am Stück auf Stelzen stehen bzw. laufen?
Svenja Grad: Die Veranstalter*innen, die uns buchen, können entscheiden, ob wir drei Sets spielen, das sind dann jeweils 40 Minuten und dazwischen gibt es eine Pause. Oder wir spielen zwei Stunden, jeweils eine Stunde am Stück. Nach einer Stunde merke ich das auf jeden Fall, weil sich das teils auch ein bisschen ausdehnt. Dann kommt es darauf an, wie das Publikum drauf ist. Das hat super viel mit Resonanz zu tun. Wenn ich viel Kontakt zu Menschen habe, ohne dass ein Smartphone dazwischen ist, gibt mir das total viel Energie.
Wenn wir Paraden laufen, sind es manchmal schon drei Stunden und das ist super anstrengend. Da muss ich mich am Ende zum Teil sehr stark konzentrieren. Mein längster Moment auf Stelzen war dieses Jahr auf dem Bremer Karneval. Da stand ich fünf Stunden auf Stelzen. Die Atmosphäre war einfach toll und ich wollte unbedingt.
Bei welchen Events trittst du auf?
Svenja Grad: Das ist super unterschiedlich und genau das liebe ich an diesem Beruf. Wir spielen bei einem ganz kleinen Straßenfest, wo der Backstage draußen oder nur ein kleines Zimmer ist. Dort ist es simpel, es macht aber total viel Spaß. Mein Highlight-Auftritt war dieses Jahr in Hongkong, da waren wir zum Neujahrsfest. Da hatten wir eine Person, die hat uns die ganzen vier Tage begleitet und wir haben in einem Vier-Sterne-Hotel übernachtet. Von dieser Spanne ist alles dabei und das macht es für mich so cool, weil ich mich an Orten wiederfinde, an die ich sonst nie gekommen wäre. Wir sind bei Firmenfeiern, bei Festivals, in Shopping-Centern. Das ist das Besondere an Stelzen-Art, dass versucht wird, alles abzugreifen und alles zu ermöglichen.
Ich spiele nicht alleine, sondern das Ganze entsteht mit den Leuten zusammen. – Svenja Grad
Gibt es Auftritte oder Momente, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Svenja Grad: Den Auftritt in Hongkong fand ich super cool. Dafür eingeflogen zu werden und gemeinsam mit richtig tollen Gruppen zu spielen. Ich war gerade für zwei Wochen auf Sommertour und da waren wir zum Beispiel auf der kroatischen Insel Jelsa. Es ist immer toll, wenn es ein schönes Ambiente gibt und sich die Menschen doll freuen. Manche Momente finden sich in fast allen Auftritten wieder: Einzelne Berührungsmomente mit Menschen und den Ausdrücken in ihren Gesichtern. Einen sehr speziellen Moment hatte ich hier in Bremen im Rhododendronpark. Da war ein Laternenumzug für Kinder und da waren ungefähr zehn Kinder um mich herum. Ich war die Sternenprinzessin und habe denen ganz viel erzählt. Sie waren so konzentriert bei der Sache und haben sich so mitziehen lassen. Dann habe ich allen am Ende weißen Sternenstaub ins Gesicht gepustet und gesagt, das können sie mit in die Träume nehmen.
Wie kann man sich das Schlüpfen in verschiedene Rollen mit unterschiedlichen Themen vorstellen? Und welche Figuren oder Kostüme liegen dir besonders am Herzen?
Svenja Grad: Momentan gibt es circa 120 Kostüme. Es gibt verschiedene Produktionsgruppen, zum Beispiel Steampunk, Unterwasserwelt oder Elfen. Entweder gibt es Vorschläge von StelzenArt-Seite aus oder die Veranstaltenden selbst haben bestimmte Wünsche. Manchmal gibt es thematische Orte, sodass es gut matcht. In Nizza gibt es jährlich einen Karneval mit verschiedenen Themen. Letztes Jahr war das Thema Unterwasserwelt und wir sind dann mit unseren Unterwasserwelt-Kostümen hingereist.
Ich finde mich in allen Kostümen wieder. Die Steampunk-Kostüme catchen mich aber schon sehr. Ich mag die Vielfalt, weil Freches dabei ist, Zartes, mal etwas Anmutiges und ganz viele Qualitäten werden abgedeckt.
Arbeitest du mit festen Choreographien oder improvisiert du auch?
Svenja Grad: Wir haben Choreographien, die alle können. Das ist aber auch total divers. Wir haben dieses Repertoire und das Fundament von Choreographien, die immer da sind. Meistens gibt eine Person, die ein bisschen den Hut aufhat und spontane Choreos anleitet, passend zur Musik. Bei Shows ist es vorher einstudiert und die Abfolge der Choreos wurde schon besprochen. Es kommt also ganz darauf an, was zum jeweiligen Event passt.
Gibt es bestimmte Projekte oder Orte, an denen du gerne noch auftreten möchtest?
Svenja Grad: Stelzenlauf ist nicht mein Hauptfokus, in dem ich mich entwickeln will. Ich gehe künstlerisch eher in eine andere Richtung und mache noch andere Performance-Arten. Ich habe bei der japanischen Choreographin Minako Seki angefangen. Minako Seki kommt aus dem Butoh, das ist eine japanische Performancekunst und bei ihr habe ich ein Teacher Training angefangen. Minako Seki hat eine eigene Technik entwickelt, die ich momentan lerne. Insgesamt sind es drei Stages. Mit der ersten Stage habe ich letztes Jahr in Berlin angefangen. Die zweite kommt jetzt im Oktober und ist in Japan. Der dritte Teil ist dann in Chile. Danach darf ich die Technik unterrichten, aber mein Fokus ist so, dass ich gerne mehr in den künstlerischen Performancebereich gehen möchte. Ich bilde gerade mit mehreren Menschen den Verein Moving Landscapes e.V., der sich aus der Minako Seki-Gruppe speist. Zudem arbeite ich mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammen, um Körperarbeit und politischen Aktivismus mehr miteinander zu verbinden. Beispielsweise habe ich im Sommer einen Workshop mit politischen Aktivist*innen durchgeführt.
Gibt es noch etwas, das du loswerden möchtest?
Svenja Grad: Ich fände es schön, wenn Stelzenfiguren immer ihren Platz behalten. Alles wird digitaler, die Leute wollen ganz viel filmen und festhalten – und das ist total schön. Ich finde es aber auch super schön, wenn Menschen den Moment weiterhin genießen, richtig im Kontakt sind und sich darauf einlassen. Es ist nicht so, dass ich nicht will, dass die Leute das in Erinnerung behalten – ich mache gerne Fotos mit Menschen. Aber man vergisst schnell, dass sie ein so krasser Teil des Events sind. Ich spiele nicht alleine, sondern das Ganze entsteht mit den Leuten zusammen.
Jana K.



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