
Frauen sind im Alltag häufig mit Formen sexueller Belästigung oder Gewalt konfrontiert, allein dieses Jahr kam es schon zu 126 Femiziden, aber auch Catcalls und aufdringlichen Blicken, bis hin zu schweren Straftaten wie Vergewaltigungen sind keine Seltenheit. Durch die konstante Erfahrung oder Vorsicht vor möglichen Übergriffen erscheint der Drang nach Rache naheliegend. Die Fantasie der Rache bildet für zahlreiche Filme die Basis. Eine Frau – sei es die Tochter, Schwester oder Partnerin – wird Opfer eines Gewaltverbrechens, oft einer Vergewaltigung, woraufhin sich ein Mann, etwa ihr Vater, Bruder oder Ehemann, auf einen gewaltsamen Rachezug begibt.
Aber Moment mal… Warum sind es eigentlich die Männer, die die Rache ausüben? Warum steht nicht die betroffene Frau selbst im Zentrum der Geschichte? Gibt es eine Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Rache ?
Fantasie des Retters:
Narrative wie die „Damsel in Distress“ ziehen sich schon seit Jahrhunderten durch Märchen, unsere Literatur und heute auch durch Filme. Sie erzählen häufig die Geschichte einer Frau, die von einem Mann vor einer Bedrohung gerettet werden muss. Dieses Narrativ basiert auf verankerten patriarchalen Geschlechterrollen: Frauen werden als schutzbedürftig dargestellt, während Männern die Rolle des starken Beschützers und Retters einnehmen. Dadurch entsteht die kulturelle Erwartung, dass Männer ihre Männlichkeit beweisen, indem sie Frauen retten oder beschützen, sprich wenn sie der Retter in Not sind. Viele moderne Filme bedienen genau diese Fantasie: der Mann als Retter in Not, und wenn die Männer zuvor keine Retter waren, so werden sie es durch das Rächen „ihrer“ Frauen. Tatsächlich sind sie jedoch keine Retter, Beschützer oder Helden. Vielmehr handelt es sich um Menschen, die nun einen aus ihrer Sicht „legitimen“ oder „gerechtfertigten“ Grund haben selbst Gewalt auszuüben. Hinzu kommt, dass sie dabei häufig nicht im Interesse oder auf Wunsch des Opfers handeln, sondern aus ihrem eigenen Bedürfnis nach Vergeltung.
Männliche vs. Weibliche Rache:
„(…) which also in some ways means no closure (…) Those fantasies are sometimes all we get. They are our acts of revenge.“ – Girl on Film (2025)
Während männliche Figuren ihre Rache durch direkte körperliche Gewalt ausüben, wird weibliche Rache in Filmen oft anders dargestellt. Da die Frauen in diesen Filmen häufig nicht über dieselbe physische Überlegenheit wie ihre männlichen Gegenspieler verfügen, greifen sie häufig auf andere Mittel zurück. Dazu gehören beispielsweise Manipulation, psychologische Vergeltung, öffentliche Erniedrigung des Täters oder auch die eigene Vorstellungskraft. Denn so befriedigend der Racheakt in diesen Filmen auch dargestellt wird, die Realität sieht meist anders aus. Rache in Form von Gewalttaten ist oft keine tatsächliche Option. Deshalb stellen viele dieser Filme eher eine Fantasie dar von Gerechtigkeit oder Vergeltung, die sich manche Frauen nach erlittenem Unrecht vielleicht schon einmal gewünscht haben.
Um sich mit diesem Thema noch intensiver auseinanderzusetzen, empfehlen wir für das Video zum Wochenende „Feminine Rage: A Genre Deep Dive“ von Rachel Barker, die auf YouTube unter dem Namen Girl On Film bekannt ist. In diesem Video analysiert sie das Motiv der „femininen Rache“ als Genre und ordnet es in einen filmhistorischen und aktuellen gesellschaftlichen Kontext ein.
Auf ihrem YouTube-Kanal beschäftigt sie sich vor allem mit der Darstellung von Flinta-Personen in Filmen und Serien. Dabei hinterfragt sie etablierte Darstellungsweisen kritisch und untersucht, wie gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Identität durch Medien geprägt und reproduziert werden.
Amelie Gebhardt



Schreibe einen Kommentar