Laut ZDF sind rund 70 Prozent aller derzeit berufstätigen Frauen im Alter armutsgefährdet – von Erwerbslosen ganz zu schweigen. Genau hier setzt Natascha Wegelin, besser bekannt als Madame Moneypenny, an:
„Ich bin wütend, dass Frauen immer noch weniger verdienen, weniger besitzen und weniger gehört werden. Ich bin wütend, dass wir nicht frei sind, sondern überangepasst, ohne es zu wissen. Ich bin wütend, dass Mädchen immer noch beigebracht wird, brav zu sein statt laut.“
Wegelin gilt heute als Pionierin der empowernden Finanzbildung in Deutschland. Nachdem sie selbst vor Jahren eine überteuerte Rentenversicherung abgeschlossen hatte, die am Ende kaum Ertrag brachte, schwor sie sich, dass dies nie wieder passieren würde. Sie brachte sich in über 1000 Stunden Selbststudium das Thema Finanzen bei und hat mittlerweile nach eigenen Angaben ein Millionenvermögen aufgebaut. Mit der Gründung der Marke Madame Moneypenny 2015 hat sie es sich zum Ziel gesetzt, FLINTA* – auch wenn sie in ihrem Wording oft klassisch von Frauen spricht – bei der finanziellen Selbstbestimmung zu unterstützen. Und das auf ganz unterschiedliche Weise: Neben ihrem Podcast, Social-Media-Auftritten und Publikationen gibt sie Seminare darüber, wie frau* finanziell resilient wird. Ihre Marke verspricht dabei, dass es jeder Person möglich sein soll, sich in diesem Bereich weiterzubilden, egal, wie viele finanzielle Mittel sie dafür aufbringen kann. In ihrem 2026 erschienenen Buch „Die Krise liebt Frauen wie dich. Wie du finanziell resilient wirst und wächst – egal, was kommt“ zeigt sie an den aktuellsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, wie FLINTAs* mitten in der Multikrise dennoch fest finanziell Fuß fassen können.

Warum Altersarmut systemisch bedingt ist
Auf über 300 Seiten verdeutlicht Madame Moneypenny, dass Altersarmut bei Frauen kein individuelles Versagen, sondern politisch und systemisch bedingt ist. Die Mechanismen hierfür benennt sie sehr klar: beispielsweise den Gender Pay Gap, den Gender Care Gap (unbezahlte Care-Arbeit) und die daraus resultierende Rentenlücke.
Und woran liegt diese Ungleichheit? Am Patriarchat. Der Finanzsektor und die Börse sind historisch extrem männlich codiert und daher voller Gatekeeping, also dem Ausschluss von Personen aus Räumen oder Communities. Das Buch bricht hier bewusst mit dem Narrativ, dass Finanzen Männersache, beziehungsweise zu komplex für Frauen, seien und ermutigt stattdessen dazu, diesen Raum aktiv für sich zu beanspruchen.
Der finanzielle Ausweg aus struktureller Diskriminierung
Geld wird hierbei nicht nur als Mittel zum Zweck gesehen, sondern als emanzipatorisches Werkzeug: Finanzielle Autonomie bedeutet gleichzeitig ultimativen Selbstschutz. Das Konzept des F*ck-You-Money (also Rücklagen, die es erlauben, jederzeit Nein zu sagen) wird als Voraussetzung dargestellt, um toxische Beziehungen, patriarchale Abhängigkeiten oder ausbeuterische Jobs verlassen zu können, ohne die eigene Existenz damit zu gefährden.
Ihr Ansatz ist klar in zwei Teile strukturiert. Zunächst wird die Ausgangssituation erläutert: Was ist die aktuelle Situation in Deutschland (beziehungsweise in den USA und anderen wirtschaftsstarken Ländern) und wie hat die Politik Einfluss auf das Individuum? Welche unterdrückenden Strukturen sind in unserer Politik wiederzufinden und wieso sind bestimmte Gruppen besonders von Altersarmut betroffen? Wie ist das Rentensystem aufgebaut und was hat das Ganze mit dem Patriarchat zu tun?
Nach Beantwortung dieser und weiterer Fragen widmet sich der zweite Teil der finanziellen Resilienz. Hier wird anhand zahlreicher Grafiken und mit Rückbezug auf kostenlose Zusatzmaterialien schrittweise gezeigt, wie finanzielle Resilienz aufgebaut werden kann – beispielsweise in Form von Investitionen oder Absicherungen. Dabei werden die wichtigsten Strukturen verdeutlicht, wie der immer wieder betonte Unterschied zwischen Rücklagen und Liquidität.
Dennoch ist zu betonen, dass das Buch weniger für absolute Einsteiger*innen gedacht ist. Viele Begriffe werden nur kurz oder gar nicht erläutert. Ein gewisses Grundwissen wird vorausgesetzt, was man sich beispielsweise in Madame Moneypennys erstem Buch „Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können“ oder auf ihrer Website kostenlos aneignen kann.
Feminismus und Kapitalismus – passt das zusammen?
Für viele Feminist*innen sind profitorientierte Märkte und Emanzipation unvereinbar – denn als patriarchal geprägtes System fördert der Kapitalismus Hierarchien, Ungleichheit und Diskriminierung in allen Facetten von Diversität. Madame Moneypennys Ansatz ist hier anders und entspricht eher dem liberalen Feminismus. Ihre Lösung für das kaputte System ist nicht der Umsturz oder ein kollektiver Kampf, sondern das individuelle Mitspielen. Es geht ihr darum, nach Marktlogik zu gewinnen, nicht sie zu überwinden. Denn: „Eine Frau ohne Geld ist eine Frau ohne Macht.“
Ob man die Strukturen wirklich langfristig bekämpfen kann, indem man sich ihnen letztendlich doch nur unterordnet, ist fraglich – Madame Moneypenny spricht sich für eine Revolution von innen aus. Festzuhalten ist aber, dass die Teilhabe am System tatsächlich der Altersarmut entgegenwirken kann – zumindest der eigenen.
Jetzt wird es allerdings kompliziert: Das ganze Konzept der finanziellen Resilienz (zum Beispiel: Bau dir ein Aktiendepot auf, investiere in dein Humankapital) setzt finanzielle und zeitliche Privilegien voraus. Wer im Niedriglohnsektor arbeitet, alleinerziehend ist oder aufgrund von Mehrfachdiskriminierungen kaum Zugang zum Arbeitsmarkt hat, findet hier wahrscheinlich auch nur wenig hilfreiche Antworten. Das Buch klammert damit die Realität von Menschen aus, die schlichtweg nichts zum Sparen oder Investieren übrig haben.
Symptombekämpfung als Selbstschutz
Insgesamt ist das Buch vielleicht weniger als Ansage zum kollektiven Kampf zu verstehen, sondern eher als pragmatisches Überlebenshandbuch IM Patriarchat. Statt eines Manifests, das Strukturen einreißen will, liefert es pragmatische Werkzeuge, um sich innerhalb eines fehlerhaften und ungerechten Systems bestmöglich abzusichern. Das Symptom wird also bekämpft, nicht die Ursache. Ob frau* das nun zwingend negativ bewerten muss, bleibt den Leser*innen selbst überlassen. Denn: Für das individuelle Überleben kann so ein pragmatisches Handbuch allerdings genau das sein, was im Alltag gebraucht wird, um überhaupt erst einmal den Kern des Problems zu verstehen und sich handlungsfähig zu machen.
Kathi



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