„Städteplanung ignoriert alle, die keine Männer ohne Behinderung im Auto sind.“ Diese überspitzte aber wissenschaftlich dennoch weitgehend zutreffende Analyse liefert den Ausgangspunkt für feministische Perspektiven auf Stadtplanung und -entwicklung. Ein bekannter kritischer Ansatz ist der der Feministischen Stadt.
Ursprünge
Der Ansatz der Feministischen Stadt ist mit der Zweiten Frauenbewegung in den 1960ern -1970ern aufgekommen und zielte zunächst darauf ab, bestehende strukturelle Ungleichheiten und Diskriminierungen aufzudecken und zu überwinden. Nach dem Prinzip „Das Private ist politisch“ setzten Kritiken vor allem bei der Trennung einer männlich wahrgenommenen Öffentlichkeit und einer weiblich assoziierten Privatheit an. Ein zentraler Aspekt war dabei, zu verdeutlichen, wie unterschiedlich die Lohn- und Reproduktionsarbeiten der Geschlechter wahrgenommen und entlohnt wurden.
Gender Mainstreaming
1995 wurde auf der 4. Weltfrauenkonferenz mit dem Gender Mainstreaming ein Instrument der Gleichstellungspolitik ins Leben gerufen. Gender Mainstreaming ist ein Muster für Geschlechtergerechtigkeit und kann sowohl ein politisches Programm als auch eine verwaltungstechnische Umsetzungsrichtlinie darstellen. Ziel ist es, dass schon in der Planung von Maßnahmen (nicht nur bei der Stadtentwicklung) beachtet wird, wie sie sich auf die Geschlechter auswirken (können). In Bremen wird Gender Mainstreaming seit 2002 aktiv unterstützt und eine Arbeitsgruppe zum Gender Mainstreaming wurde ins Leben gerufen, die alle 4-5 Jahre über den Stand der Umsetzung berichtet.
Weiterentwicklung des Gender Mainstreaming
Diese Ausgangspunkte wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte weiterentwickelt, ausgeweitet und diverser. In neueren Debatten steht der Ansatz der Feministischen Stadt für die aktive Schaffung einer gerechteren, inklusiveren und auch nachhaltigeren Stadt für alle. Hier zeigt sich, dass es, wie im Feminismus, innerhalb der feministischen Stadtplanung und -entwicklung verschiedene Strömungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt. Gemein haben aber alle Strömungen, ein städtisches Umfeld zu schaffen, in dem alle Menschen gleichberechtigt und diskriminierungsfrei leben können.

Die eine feministische Stadt?
Es gibt also nicht die eine feministische Stadt, sondern viele verschiedene Konzepte und Ansätze, die bestehenden (Macht-) Strukturen zu verändern, auf neue Planungen einzuwirken und damit eine lebenswerte Umgebung für alle zu schaffen. Viele Strömungen verfolgen also eine intersektionale Herangehensweise, bei denen deutlich wird, dass soziale und nationale Herkunft, Geschlecht, Sexualität, Religion und Behinderung zu unterschiedlichen Formen oder Möglichkeiten der Teilhabe führen.
Die Leipzig-Charta
Die Notwendigkeit, das Thema der Geschlechtergerechtigkeit im öffentlichen Raum in den Fokus zu rücken, zeigt sich zum Beispiel in der Neuen Leipzig-Charta (2020), die unter anderem mit der Dimension der „gerechten Stadt“ darauf abzielt, eine „Stadt für alle“ zu entwickeln.
Ursprünglich 2007 ins Leben gerufen, hat die erste Leipzig-Charta das zentrale Anliegen verfolgt, eine integrierte und nachhaltige Stadtentwicklungspolitik voranzubringen. Aufgrund vieler sich verändernder Faktoren (Klimawandel, Ressourcenknappheit, demografische Veränderungen, Pandemien, digitaler Fortschritt und vieles mehr) stieg die Notwendigkeit, die Charta anzupassen und so zukunftsfähiger zu gestalten.
Von Gender Mainstreaming zu Gender Planning
Die Neue Leipzig-Charta bietet die Grundlage moderner Stadtentwicklungspolitik und zeigt auf, dass sich in den vergangenen Jahren eine Weiterentwicklung des Gender Mainstreaming (Gleichstellung der Geschlechter) hin zum Gender Planning vollzogen hat. Über die Gleichstellung der Geschlechter hinaus soll allen Menschen diskriminierungssensibel eine gleichberechtigte Mitwirkung ermöglicht werden.
„Alle gesellschaftlichen Gruppen, einschließlich der besonders vulnerablen, sollten einen gleichberechtigten Zugang zu Dienstleistungen der Daseinsvorsorge haben: zu Bildung, sozialen Dienstleistungen, Gesundheitsversorgung und zu Kultur. Der Zugang zu einer angemessenen, sicheren und bezahlbaren Wohnraum- und Energieversorgung sollte auf die Bedürfnisse verschiedener gesellschaftlicher Gruppen abgestimmt sein.“
Gendergerechte Stadtentwicklungspolitik
Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) hat dazu gemeinsam mit einem Expert*innen-Rat Leitlinien für eine gendergerechte Stadtentwicklungspolitik entwickelt und letztes Jahr vorgestellt. Die Leitlinien beinhalten Erklärungen zu insgesamt acht Positionen für eine faire, inklusive und sorgende Stadt, unter anderem „[für] eine starke Repräsentation, Diskriminierungsfreiheit und inklusive Beteiligung aller gesellschaftlicher Gruppen“.
Fazit
Es gibt viele verschiedene feministische Strömungen und Ansätze, die sich mit Stadtentwicklung und -planung beschäftigen. Ebenso gibt es nicht die eine feministische Stadt, sondern viele Orte, an denen sich Projekte realisieren (lassen), um Städte gendergerechter und diskriminierungsfreier zu gestalten.
Die Leitlinien des BMWSB oder die Neue Leipzig-Charta bieten Ansätze und Leitplanken für eine solche Entwicklung. Jedoch sollte frau darüber nicht aus den Augen verlieren, dass politische Transformation vielfach im Kleinen und in der eigenen Nachbar*innenschaft am effektivsten angegangen werden kann.
Ann-Sophie



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