Feminist City – was Städte mit unserem Geschlecht zu tun haben

Buchcover mit dem Titel Feminist City der Autorin Leslie Kern

Feminist City, Leslie Kern (c) Unrast Verlag

Für eine feministische Stadt! Eine was? Kann eine Stadt feministisch sein? Klare Antwort: sie kann! Aber im Moment ist sie das leider nicht und das zeigt sich an allen Ecken und Enden. Leslie Kern beschreibt in ihrem neuen Buch Feminist City (2020) mit viel Weitsicht und einer spürbaren Portion Wut, was Städte mit unserem Geschlecht* zu tun haben. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen in nordamerikanischen Städten erzählt sie, mit welchen Hürden Menschen zu kämpfen haben, die nicht dem weißen, heterosexuellen, gesunden Durchschnittsmann entsprechen. Denn nach dessen Bedürfnissen wurden die meisten Städte im globalen Norden geplant. Was sie damit meint?

Überholte Rollenbilder bei der Stadtplanung

Moderne Städte sollen eine Vielzahl von Funktionen erfüllen, dazu zählen etwa Versorgung, Sicherheit, Mobilität oder auch Freizeit. Die Bedürfnisse, die unterschiedliche Gruppen von Bewohner* innen an sie stellen, sind jedoch zweifellos verschieden. Wer legt wann welche Wege zurück? In welchen Konstellationen leben die Menschen zusammen? Welche beruflichen und familiären Aufgaben und Anforderungen müssen sie erfüllen? Die Antworten auf all diese Fragen geben einen ersten Hinweis darauf, dass Städte durchaus von einer gender-spezifischen Struktur durchzogen sind. Wie fast überall kommen auch hier noch immer spürbar die doch eigentlich überholten (?!) Rollenbilder zum Tragen. In der traditionellen Vorstellung von Städten leben dort heterosexuelle Familien mit circa zwei Kindern, in denen der Mann arbeiten geht und die Frau Care-Arbeit leistet. Entsprechend sind Wohnungen geschnitten, Verkehrswege geplant und der öffentliche Raum gestaltet.

Architektin arbeitet an einem Stadtmodel

Stadtentwicklung (c) pressmaster, Adobe Stock

Was Frauen brauchen in der Stadt

Leslie Kern beschreibt die Probleme, die sich ergeben, sobald man* versucht, sich mit einem Baby oder kleinen Kind den Weg durch den städtischen Dschungel zu bahnen. Angefangen bei vorwurfsvollen Blicken, über die Zugänglichkeit von U-Bahn-Stationen bis hin zur Verteilung öffentlicher Toiletten sind die Probleme zahlreich. Öffentliche Toiletten sind in der Tat ein gutes Beispiel, um sich vor Augen zu führen, wer eigentlich Städte für wen plant. Seit Jahrhunderten wurden Städte von und für Männer(n) geplant und entwickelt, diese Historie spürt man leider auch heute noch an vielen Stellen in der Planungskultur.

Frauen haben oft spezifische Bedürfnisse, sind es doch immer noch sie, die in der Regel Platz zum Wickeln brauchen und mit den psychischen und physischen Auswirkungen der Menstruation fertig werden müssen. Die Menstruation macht zwischen Zuhause und Öffentlichkeit keine Unterschiede. Außerdem sind ihre Harnröhren häufig kürzer, was zu häufigerem Harndrang führt. Grundrisse von Toiletten sind gleich groß, obwohl man auf gleichem Raum natürlich mehr Pissoirs als Kabinen unterbringen kann. Wie politisch das Klo-Thema ist, wird deutlich, wenn Leslie Kern schreibt:

es hat auch mit Tabus rund um das Thema Toiletten und insbesondere Menstruation zu tun […] Niemand will anerkennen, dass die Benutzung des Badezimmers während der Menstruation länger dauert […]. Niemand möchte anerkennen, dass auch einige Trans-Männer vielleicht Produkte und Räumlichkeiten brauchen, um sich um ihre Menstruation zu kümmern. Niemand möchte obdachlosen Frauen helfen, indem die Kosten für von  Binden und Tampons übernommen und das Fehlen von frei zugänglichen Toiletten in der Stadt thematisiert wird […]. (Kern, Leslie (2020): Feminist City. Münster: Unrast, 118)

Erfahrungen, wie die Suche nach geeigneten Toiletten, führen dazu, dass Stadtbewohner*innen eine Art Karte in ihrem Kopf entwickeln. Sie besteht aus wichtigen Orten und Straßen in der Stadt, die das alltägliche (Er)Leben prägen. Neben konkreten Orten, wie öffentlichen Klos oder Wickeltischen, finden sich hier auch die Wege, die zu unterschiedlichen Tageszeiten genutzt oder vermieden werden. Angst oder ein subtiles Gefühl von Unsicherheit prägen die Erfahrungen vieler Menschen, die nicht dem oben beschriebenen Durchschnittsmann entsprechen. Was nicht heißen soll, dass er nie im öffentlichen Raum Angst erlebt! Und doch unterscheiden sich diese Erfahrungen durch den strukturellen Hintergrund in einer heteronormativen Gesellschaft. Deutlich wird dies an einem Zitat der Geographin Doris Wastl-Walter:

Unsicherheiten entstehen damit zum einen durch die individuelle Wahrnehmung einer Geschlechtsidentität […], die in der Gesellschaft einer Gefahr ausgesetzt ist, und zum anderen durch gesellschaftliche Zuschreibenden, die darüber entscheiden, wer, wann, was tun kann. (Wastl-Walter, Doris (2010): Gender Geographien. Geschlecht und Raum als soziale Konstruktionen. Stuttgart: Franz Steiner, 136)

Innovative Planung ist gefordert

Heißt, es gibt eine zutiefst wirksame Gemengelage aus Selbst- und Fremdwahrnehmung, die erheblich Einfluss darauf hat, wer sich wie Raum aneignen kann. Um eine den Bedürfnissen aller Menschen angepasste Stadt zu schaffen, bedarf es neuer und innovativer Wege in der Planung. Gender Mainstreaming wird zwar in politischen und stadtplanerischen Prozessen immer wichtiger und doch gibt es in Deutschland kein einziges Planungsbüro, das sich explizit mit feministischer Stadtgestaltung befasst. Ein paar Schritte weiter sind hier Städte wie Wien oder Barcelona, in denen die gendergerechte Stadtplanung einen hohen Stellenwert einnimmt und entsprechend unterstützt und finanziert wird.

Das Collectiu Punt 6 aus Barcelona wirft einen umfassenden und interdisziplinären Blick auf Stadtquartiere und ihre Bewohner*innen. In ihre Planungen fließen Aspekte der solidarischen Ökonomie und Nachhaltigkeit ebenso ein, wie eigene Forschungsergebnisse, die die Stadt und ihre Planung als ein komplexes, von gesellschaftlichen Machtverhältnissen durchzogenes Gebilde begreifen. Um die feministische Stadt nicht länger als Utopie zu denken, sie Wirklichkeit werden zu lassen, bedarf es viel mehr solcher Projekte, denn „die feministische Stadt ist ein fortwährendes Experimentieren, wie wir anders zusammenleben können, in einer urbanen Welt“ (Kern, Leslie (2020): Feminist City. Münster: Unrast, 189)

Die Autorin

Das Buch Feminist City von Leslie Kern erschien im letzten Jahr im Unrast-Verlag. Die Autorin arbeitet als assoziierte Professorin an der Mount Allison University in Kanada. Sie lehrt dort schwerpunktmäßig urbane, soziale und feministische Bewegungen. Wer mehr von ihr lesen möchte, kann sich entweder ihren Blog lesliekerncoaching.com anschauen oder ihr einfach auf Twitter unter @LellyK folgen.

Sophie Krone

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