An einem grauen, wolkenverhangenen Oktobertag mache ich mich auf den Weg in die Östliche Vorstadt zu Angelika Zollmann, ehemalige Gesundheitsreferentin der ZGF. Angelika empfängt mich in ihrer Wohnung, die nicht nur wegen des frisch aufgegossenen Minztees eine warme und heimelige Atmosphäre verbreitet. An den Wänden hängen bunte Poster und Fotos und ein großes Bücherregal thront im Wohnzimmer.
Einmal von vorne
Angelika Zollmann ist gemeinsam mit vier älteren Geschwistern in einer politischen Familie aufgewachsen. Dort verortet sie auch ihre aktivistischen Wurzeln und ihren Hang zum sozialen Engagement. Schon früh habe sie zudem anarchistische Literatur gelesen, erzählt sie mir. 1973 zog es sie in die Hansestadt an der Weser, wo sie an der gerade gegründeten linken Reform-Universität Bremen Sozialwissenschaften studierte. Es folgte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin, später ein nebenberufliches Studium der Erwachsenenbildung und eine Weiterbildung in klientenzentrierter Beratung.

Das Bremer Frauengesundheitszentrum
Bereits in der Abschlussarbeit in der Schule stand das Thema Frauenrechte im Fokus von Angelika Zollmann. Es zog sich weiter durch ihr Studium, während dem sie sich der Paragraph 218 Bewegung zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen anschloss. 1979 initiierte Angelika gemeinsam mit einer Mitstreiterin das erste Frauengesundheitszentrum (FGZ) in Bremen. Sie schlossen sich dafür mit Kolleginnen zusammen, die den Aufbau eines FGZs planten. In dem Zentrum wurden Beratungen und Kurse angeboten – es war eine Stelle, an die sich frau wenden konnte, wenn sie beispielsweise eine Diagnose von ihrem*r Arzt*Ärztin bekam und sich eine unabhängige Beratung wünschte. Zudem war es ein Ort des Austauschs. Frauen hatten dort die Möglichkeit, eigene Selbsthilfegruppen zu gründen. Auch Selbstuntersuchungskurse wurden angeboten – „Das war in den 80er Jahren eine Art Selbstermächtigung“, sagt Angelika. Mittlerweile gibt es das Bremer Frauengesundheitszentrum nicht mehr und auch deutschlandweit gibt es nur noch etwa 15 solcher Zentren. „Das ist zu wenig“, findet Angelika. Zwar haben Frauen durch die sozialen Medien heutzutage die Möglichkeit, sich online auszutauschen und zu vernetzen. Dennoch sei sie überzeugt, dass es einen Unterschied mache, wenn man sich vor Ort treffe und sich gegenübersitze. Sechs Jahre lang hat Angelika im Bremer Frauengesundheitszentrum gearbeitet, bevor sie für zwei Jahre mit ihrer Familie nach Tansania ging.
Haben sich die Themen im Bereich Frauengesundheit über die Jahre verändert?
Auf diese Frage antwortet Angelika mit Ja und Nein. Ein zentrales Beispiel ist der Paragraf 218: Nach langem Ringen wurde erreicht, dass Schwangerschaftsabbrüche nach einer verpflichtenden Beratung innerhalb der ersten drei Monate straffrei bleiben. Die vollständige Abschaffung des § 218 konnte nicht durchgesetzt werden. In den 1980er-Jahren rückte ein bis dahin tabuisiertes Thema verstärkt in den Fokus: sexualisierte Gewalt Frauen und Kindern. Auch die Wechseljahre gewannen zunehmend an Aufmerksamkeit. Mit dem Wachstum der Hormonindustrie eröffneten sich für viele Frauen neue Möglichkeiten zur Einnahme hormoneller Präparate – ein Thema, das immer noch kontrovers diskutiert wird, von der Frauengesundheitsbewegung aber nach wie vor kritisiert wird. Inzwischen hat sich das gesellschaftliche Bewusstsein gewandelt: Es wird zunehmend anerkannt, dass Männer- und Frauengesundheit unterschiedliche Anforderungen und Bedürfnisse mit sich bringen. Gleichzeitig gibt es Themen, die geblieben sind – etwa Menstruationsbeschwerden oder auch die Wechseljahre. „Im Grundsatz durchlebten Frauen diese Lebensphasen schon immer, nur hat sich manches durch zum Beispiel Social Media und medizinische Entwicklungen verändert“, resümiert Angelika. Was sich verändert hat, ist also die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird. Vieles ist mittlerweile transparenter, zugänglicher und offener als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Frankfurter Frauengesundheitszentrum und ZGF Bremen
Zurück aus Tansania ist Angelika mit ihrer Familie nach Frankfurt gezogen. Dort entstand zu der Zeit das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ). Angelika hat dort im geschäftsführenden Team gearbeitet, Projekte entwickelt, Vorträge gehalten und parallel Beratungen durchgeführt. Zwischendurch war sie ein Jahr lang in den USA und hat in Washington D.C. beim National Women’s Health Network gearbeitet. Das NWHN machte sowohl Beratung als auch Lobbyarbeit für frauengesundheitliche Angelegenheiten. Anders als vergleichbare Institutionen in Deutschland war das NWHN politisch aktiv und beispielsweise im Senat bei Anhörungen zum Thema Abtreibung dabei. Die USA galten als Pionierinnen auf dem Gebiet, das erste deutsche Frauengesundheitszentrum entstand nach US-amerikanischem Vorbild in Berlin. Im Gegensatz zu Deutschland erhielten solche Zentren und Netzwerke in den USA keine staatliche Förderung – ihre Arbeit basierte auf Spendenbasis.
2005 ist Angelika zurück nach Bremen gegangen. Dort hat sie zwei Jahre in der Landesvereinigung für Gesundheit gearbeitet. Von 2008 bis 2020 war sie als Referentin für Frauengesundheit in der ZGF (Zentralstelle der Landesfrauenbeauftragten) tätig. Dort hat sie das Bremer Forum für Frauengesundheit geleitet, in dem verschiedene Institutionen und Fachfrauen daran arbeiten, bestimmte Schwerpunkte der Frauengesundheit in der Stadt zu verankern. Mit der ehemaligen Landesfrauenbeauftragten und Expertin für Frauengesundheit Ulrike Hauffe hatte sie eine engagierte Chefin und starke Mitstreiterin an ihrer Seite. Die beiden Frauen wussten um die Kraft der Vernetzung und Überzeugung: Mit dem forum frauengesundheit konnten sie einige Erfolge erringen, dazu zählt eine der ersten barrierefreien gynäkologischen Sprechstunden in Deutschland, ein interdisziplinäres Bündnis zur Senkung der hohen Kaiserschnittrate und zahlreiche Aktionen, damit Frauen unabhängig informiert sind und entscheiden können.
KARL, Kino und Kultur
Neben ihrem Engagement im Aufsichtsrat der Genossenschaft KARL eG ist Angelika Mitglied im Vorstand des Kulturzentrums Lagerhaus, welches sie 1980 mit besetzt und gegründet hat. Außerdem ist sie im Vorstand des Kommunalkinos City 46 e.V., ihrem Lieblingskino in Bremen, tätig und sie unterstützt den Vorstand im LichtLuftBad, einem Verein und Begegnungsort für Kultur und Sport auf der Werderinsel.
Als ich mich nach unserem Gespräch wieder auf den Heimweg mache, bleibt das Gefühl von Wärme und Gemeinschaft noch lange bei mir. Besonders beeindruckt hat mich, wie selbstverständlich Angelika Zollmann ihr Engagement für andere Menschen in ihr Leben integriert. Ihr Einsatz im Bereich Frauengesundheit ist ein starkes Beispiel dafür, wie wichtig Gemeinschaft und Fürsorge sind – im Kleinen wie im Großen.
Das gendergerechte Online-Lexikon Equalpedia hat ebenfallls einen lesenswerten Artikel über Angelika Zollmann geschrieben.
Jana K.



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