Unsere Frau der Woche: Cheryl Strayed

In den neunziger Jahren legte Cheryl Strayed 1.600 Kilometer zurück – zu Fuß. Drei Monate war der Fernwanderweg Pacific Crest Trail ihr Zuhause. Alles, was sie damals besaß, trug sie auf ihrem Rücken. Ihre Erinnerungen daran werden zum Beststeller.

Vorher/Nachher

Man könnte sagen, dass Cheryl Strayeds Leben sich in verschiedene Kapitel einteilen ließe. In ein Vorher und ein Nachher. Cheryl Strayed vor dem Tod ihrer Mutter – und danach. Cheryl Strayed vor dem Pacific Crest Trail – und danach. Denn, so beschreibt sie es selbst, der Tod ihrer Mutter Bobbi Lambrecht ist ihre persönliche Entstehungsgeschichte. Während Cheryl Strayed und ihre Mutter gemeinsam an derselben Universität studieren, stellen die Ärzte bei ihrer Mutter Lungenkrebs fest. Sie geben ihr noch ein Jahr. Daraus wurden sieben Wochen.

Person steht in der Wüste, über ihr der Sternenhimmel und die Milchstraße. Der Himmel leuchtet gelb und die zentral stehende Person ist nur als Silhouette zu erkennen.

By Ian Norman (http://www.lonelyspeck.com) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Der Tod ihrer Mutter trieb sie in eine Verzweiflung, die sie immer weiter herunterzog, erzählt sie in einem Interview mit der Zeit. Sie war mit einem Mann verheiratet, den sie zwar liebte, aber immer wieder betrog. Nach der Trennung zog sie nach Portland und lernte nicht nur einen neuen Freund kennen, sondern auch Heroin. Sie war dabei abzudriften. Kurz bevor Cheryl Strayed die Entscheidung traf, den Pacific Crest Trail zu wandern, ließ sie sich von ihrem Mann scheiden. Damit eröffnet sich für sie die Möglichkeit, sich einen neuen Nachnamen auszusuchen. Sie wählt Strayed. Es bedeutet so viel wie verirrt, streunend.

Schritt für Schritt

Wieder zu der Frau werden, für die ihre Mutter sie gehalten hatte, das ist Cheryl Strayeds Antrieb, den Pacific Crest Trail zu wandern. Von Kalifornien bis nach Oregon. Sie erwartet sich eine heilende Wirkung. Nach dem Verlust ihrer Fußnägel durch zu kleine Schuhe, dem Verlust eben dieser Wanderschuhe – sie purzeln in eine Schlucht – und vielen anderen nervenaufreibenden, schönen und traurigen Erlebnissen, erfährt sie genau das: Heilung. Sie akzeptiert Gegebenheiten. In einem Interview mit dem Verlag Random House erzählt sie darüber:

„Das Wichtigste, was ich während des Trips gelernt habe, ist, Gegebenheiten anzunehmen. Ich musste mich einfach den Anforderungen des Wegs beugen. Dabei habe ich gelernt, emotional wieder gesund zu werden. Ich wollte nicht in einer Welt ohne meine Mutter leben, aber ich musste es. Ich wollte an einem Tag nicht noch zehn Meilen einen Berg hoch laufen, aber ich musste es tun.“

Vorbild, Freundin, Feministin

My husband gives me the best jewelry.

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Vierzehn Jahre später schreibt Cheryl Strayed ihre Erfahrungen auf dem Pacific Crest Trail auf, thematisiert aber auch ihr Leben davor. Sie schreibt darüber so ehrlich, dass man das Gefühl hat, sie zu kennen. Ihr Buch wird weltweit zum Bestseller und es wird in 30 Sprachen übersetzt.  Ihr Durchhaltevermögen, sich immer wieder den Strapazen des Fernwanderns auszusetzen, um schlichtweg eines zu tun – zu gehen – ist beeindruckend. Für mich ist Cheryl Strayed ein großes Vorbild. Ihre Geschichte inspiriert mich. Auch, weil Cheryl Strayed bei allem was sie ist – Mutter, Schriftstellerin, Suchende – Feminismus für sie im Mittelpunkt steht. Sie schreibt bei Bitch Media, dass sie schon lange Feministin war, bevor sie überhaupt wusste, was ein*e Feminist*in ist. Es sei einfach Teil ihrer Identität.

Eine tolle Frau, meine persönliche Heldin, und deshalb unsere Frau der Woche!

Katja Hoffmann

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