Die ZDF-Dokureihe „Re:turn“ begleitet Menschen bei ihrem Weg aus Krisen. Eine der zentralen Geschichten: der lange, schwierige Weg aus häuslicher Gewalt.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die gemeldeten Gewalttaten nehmen weiter zu, wie der Bundeslagebericht zu häuslicher Gewalt zeigt. Dabei sind rund 70 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt weiblich.

Jennifer Weist: Eine Gastgeberin, die weiß, wovon sie spricht
Die Musikerin Jennifer Weist, bekannt durch ihre Band Jennifer Rostock, moderiert die Folge. In ihrem Buch „Nackt: Mein Leben zwischen den Zeilen“ erzählt sie selbst von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch und Sexismus in der Musikbranche.
In der Doku schafft sie Raum für Geschichten, die oft verborgen bleiben – Geschichten wie die von Linda Loran.
Die Geschichte von Linda Loran
Linda kennt Gewalt schon aus ihrer Kindheit. Kurz vor ihrem Abitur lernt sie ihren damaligen Partner kennen, der sie zunächst mit Zuneigung überschüttet. Während ihres Abiturs wird sie dann schwanger. Ihr Freund verspricht ihr Unterstützung. Doch letztlich muss sie den Alltag mit dem Kind ganz alleine bewältigen, sodass sie die Schule abbrechen muss.
Was mit verbalen Auseinandersetzungen beginnt, wird bald zu körperlicher Gewalt. Linda kennt die Muster bereits und steckt doch darin fest. Eine Trennung scheint ihr unmöglich.
Warum viele Betroffene nicht gehen können
Oft wird den Opfern von häuslicher Gewalt nachgesagt, sie könnten sich doch auch „einfach“ trennen. Doch die Realität zeigt, dass es nicht so einfach ist.
Ein zentraler Grund, warum die Trennung meist nicht leicht ist, ist nicht nur die zumeist finanzielle Abhängigkeit, sondern auch die starke psychische Abhängigkeit. Täter manipulieren ihre Opfer: Die Betroffenen von häuslicher Gewalt haben oft das Gefühl, selbst Schuld an dem Verhalten ihres Partners zu haben und schämen sich für das, was ihnen widerfährt. Zudem ist die Entwicklung zur körperlichen Gewalt oft schleichend. Gewalt bedeutet nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch psychische: wenn man jemanden zum Beispiel beleidigt oder laut wird. Die Grenzen werden nach und nach verschoben, bis Betroffene die Gefahr erst erkennen, wenn sie bereits lebensbedrohlich ist.
Hinzu kommt die Angst vor weiterer Gewalt. Besonders gefährlich ist für die Betroffenen nämlich die Zeit nach der Trennung, da der Täter nach der Trennung ein Gefühl von Kontrollverlust erlebt, wodurch die Gewalt zunehmen kann. Viele Betroffene wissen das und fürchten, dass ein Schritt in Richtung Freiheit sie erst recht in Gefahr bringt.
Auch strukturelle Hindernisse erschweren eine Trennung. So gehen zwei Drittel der Betroffenen nicht zur Polizei, weil sie befürchten, dass sie nicht ernstgenommen werden, dass ihnen niemand glauben wird. Gewalt findet meist im privaten Raum statt – ohne Zeugen, ohne Beweise. Dadurch kommt es häufig vor, dass Täter vor Gericht freigesprochen werden. Außerdem erschwert der Mangel an Frauenhäusern die Flucht für viele Betroffene. So finden zwei Drittel der Betroffenen keinen Frauenhausplatz in ihrer Nähe.
All diese Faktoren machen deutlich: Es ist niemals „einfach“, eine gewaltvolle Beziehung zu verlassen. Musikerin Jennifer Weist fasst dies in der Doku treffend zusammen:
„Für manche Menschen ist es einfacher, Gewalt zu leugnen, als die Wahrheit anzuerkennen.“
Ein Perspektivwechsel: Michael
Um das System der Gewalt zu durchbrechen, braucht es nicht nur Schutz für Betroffene, sondern auch Arbeit mit Tätern. Die Doku stellt deshalb Michael vor.
Michael hat in seinem Elternhaus gelernt, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden. Er wurde seiner Frau gegenüber gewalttätig und fühlt deswegen heute Scham und Schuld. Doch Einsicht allein reicht nicht. Darum sucht er sich Hilfe.
Verantwortung statt Ausreden
Beim Sozialpädagogen und Männerberater, Helge Rettig, der Täterarbeit auf dem Gebiet Partnerschaftsgewalt anbietet, beginnt Michael ein strukturiertes Anti-Gewalt-Programm. Dafür müssen die Täter allerdings erst einsehen, dass sie Täter sind, was für sie bedeutet, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. Deswegen muss Rettig auch zunächst in einem Erstgespräch einschätzen, ob die Täter überhaupt bereit sind, an sich zu arbeiten. Danach geht es in seiner Arbeit darum, dass die Täter eine gesunde Streitkultur entwickeln, sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen und lernen, ihre Gewalttrigger zu kontrollieren.
Rettig beschreibt die Bedeutung seiner Arbeit wie folgt:
„Für Täterarbeit spricht natürlich, dass sie relativ am Anfang, am Ursprung ansetzt, damit die Kette [der Gewalt] erst gar nicht in Gang kommt.“
Nach dem Training begann Michael außerdem eine Traumatherapie, um die Gewaltmuster aus seiner Kindheit aufzuarbeiten.
„Die Trennung bedeutete für mich Freiheit.“
Lindas Wendepunkt kommt, als sie heimlich YouTube-Videos von anderen Betroffenen häuslicher Gewalt schaut: Frauen, die es geschafft haben, deren Geschichten ihr Mut geben. Sie erkennt: Das Ende einer Beziehung bedeutet nicht das Ende ihres Lebens. Heute spricht Linda offen über das Thema, produziert Content zu häuslicher Gewalt und thematisiert die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Machtstrukturen von häuslicher Gewalt. Sie hat ihren Ex-Partner angezeigt. Das Verfahren läuft allerdings noch.
Ein Blick nach Spanien: Technik die Leben rettet
Während Deutschland noch über neue Präventionsmaßnahmen diskutiert, ist Spanien längst weiter. Dort kommt das Programm VioGén zum Einsatz – ein System zur Risikobewertung künftiger Gewalttaten. Betroffene wie Noelia París erhalten dadurch zunehmend Schutz. Durch VioGén hat ihr Täter eine elektronische Fußfessel erhalten. Nähert er sich ihr, löst das System Alarm aus. Das Ergebnis: Die Zahl der Femizide in Spanien sinkt. Auch in Deutschland ist ein solches System mittlerweile im Gespräch.
Die Reportage zeigt Betroffene wie Linda, die Mut machen, und Täter wie Michael, die sich ihrer Verantwortung stellen. Und sie macht deutlich, dass häusliche Gewalt ein strukturelles Problem in unserer Gesellschaft, das politischer Veränderung bedarf, darstellt. Deswegen ist die Doku unsere Video-Empfehlung zum Wochenende.
Linea Strugies



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