Maggie ist, seit sie denken kann, bei ihrem Vater aufgewachsen. Als sie eines Tages als erwachsene Frau mit ihm zusammen alte Unterlagen aussortiert, kommt die wahre Familiengeschichte ans Licht.
Worum geht’s?
In dem Roman „Familiensache“, geschrieben von Claire Lynch, geht es um die queere Familiengeschichte von Dawn, Heron und Maggie. Abwechselnd bewegt sich der Erzählstrang in den Jahren 1982 und 2022. 1982 lernt man Dawn kennen. Sie ist mit Heron verheiratet und hat mit ihm zusammen Maggie bekommen. Doch dann lernt sie Hazel kennen und ihre Welt gerät ins Wanken. 2022 erfährt man vor allem aus Maggies Leben. Auch sie ist Mutter geworden. Dawn und Maggie struggeln mit ihren Rollen und hinterfragen ihr Leben. Teilweise ähneln sich die Gründe dafür. Besonders wird der universale Druck thematisiert, der auf Müttern lastet, alles richtig zu machen und die damit verbundenen Schuldgefühle, wenn das nicht gelingt. Noch dazu kommt langsam Maggies wahre Familiengeschichte ans Licht und macht ihr Leben auch nicht leichter.

Die gesetzliche Lage in den 80er Jahren in England
Das Buch hat mich angeregt, weiter über das Thema queere Elternschaft zu recherchieren.
Wie am Ende des Buchs beschrieben, verloren in Großbritannien in den 1980er Jahren 90 Prozent der lesbischen Frauen bei einer Scheidung das Sorgerecht für ihre Kinder – wegen ihrer sexuellen Orientierung. Es existieren keine genauen Zahlen, da viele Fälle durch außergerichtliche Einigung geklärt wurden und dementsprechend in keine Statistik eingingen.
In den Fällen, in denen das Gericht den Kontakt zwischen Mutter und Kind zugelassen hat, wurde jedoch verboten, dass das Kind mitbekommt, dass die Mutter mit einer Frau zusammenlebt oder Zuneigung zeigt. Teilweise wurde Kontakt nur unter Aufsicht von Behörden genehmigt.
„Heute Abend wird sie es Hazel erklären, wird alles zu beschreiben versuchen. Es war, wird sie sagen, wie in einem Albtraum, in dem man eine wirklich schwere Prüfung ablegen muss, aber keinen Stift, sondern nur ein Stück Schnur in der Hand hält.“ (S.186)
In dem Buch gehen Dawn während des Gerichtsprozesses um das Sorgerecht ihrer Tochter diese Gedanken durch den Kopf.
Die gesetzliche Lage in den 80er Jahren in Deutschland
In der Bundesrepublik Deutschland war die Situation in den 80er Jahren auch nicht viel besser als in Großbritannien. Seit der Verschärfung des Eherechts 1961 verlor der „schuldige Teil“ bei einer Scheidung jeglichen Anspruch auf Sorgerecht für gemeinsame Kinder und Unterhalt. Die sexuelle Orientierung wurde als Grund für die „Schuldigkeit“ einer Person gewertet. Im Jahr 1977 gab es eine Reform des Ehe- und Familienrechts. Dennoch wurde lesbischen Müttern in der Regel weiterhin das Sorgerecht aberkannt. Die Gerichte begründeten ihre Entscheidung damit, dass der lesbische Lebensstil das Kindeswohl gefährde. Darum verbargen viele Frauen ihre sexuelle Identität. Zu lesbischen Müttern und feministischer Arbeit in der DDR lest gerne hier weiter.
Die Diskriminierung hält bis heute an
Auch wenn wir gesellschaftlich viel weiter sind als 1982, werden homosexuelle, spezifisch lesbische Elternteile, immer noch diskriminiert. So wird bei einem lesbischen Paar nur die austragende Person als Elternteil eingetragen. Das zweite Elternteil muss eine aufwändige und oft als erniedrigend wahrgenommene Stiefkindadoption durchführen, um die gleichen Rechte für das Kind zu haben. Bei heterosexuellen Paaren muss dagegen der Partner der leiblichen Mutter nur seine Zustimmung geben, um als Vater eingetragen zu werden, auch wenn es sich nicht um den leiblichen Vater handelt. Bei verheirateten Paaren wird der Ehemann sogar automatisch als Elternteil eingetragen.
Die staatliche Diskriminierung von homosexuellen Paaren geht bei der künstlichen Befruchtung weiter. Eine künstliche Befruchtung klappt meistens nicht beim ersten Versuch. Ein Versuch kostet zwischen 3.000 und 7.000 Euro. Gesetzliche Krankenkassen bezahlen heterosexuellen Paaren die Hälfte der Kosten, homosexuellen Paaren werden keine Kosten erstattet.
In zwölf Bundesländern sind noch staatliche Zuschüsse möglich. Zusammen übernehmen Bund und Land für heterosexuelle Paare bis zu 50 Prozent der Kosten, die nach Abzug der durch die Krankenkassen übernommenen Kosten noch bestehen. Nur in sechs der zwölf Bundesländer, die künstliche Befruchtung finanziell fördern, gibt es auch Zuschüsse für gleichgeschlechtliche Eltern. Jedoch gibt es selbst dort für homosexuelle Paare nur die Möglichkeit, den Anteil vom Land erstattet zu bekommen, also höchstens 25 Prozent. Der Bund unterstützt künstliche Befruchtung bei queeren Paaren nicht.
Bremen ist in dieser Hinsicht ein Vorreiter – es ist das einzige Bundesland, das versucht, die Diskriminierung des Bundes auszugleichen, indem es den Bundesanteil für homosexuelle Paare auch übernimmt. Damit sind homosexuelle Paare in Bremen einen kleinen Schritt näher an der Gleichberechtigung.
Meine Meinung zum Buch
Das Gefühl von Ungerechtigkeit habe ich sowohl bei meiner Recherche als auch beim Lesen des Buches „Familiensache“ empfunden. Ich finde es wichtig, dass das Thema durch die Behandlung in der Literatur mehr Sichtbarkeit bekommt. Zum einen habe ich durch die Geschichte den Anstoß bekommen, mich über queere Elternschaft zu informieren. Zum anderen war es eine bewegende Leseerfahrung. Durch den emotionalen Schreibstil der Autorin konnte ich die Lage, in der sich die beiden Frauen befinden, nachvollziehen, obwohl ich selber keine Mutter bin. Trotz des schweren Themas war das Buch angenehm zu lesen. Es ist kein leichter, lustiger Roman. Er bildet die Realität ab. Und genau das ist so bewegend an dem Buch. Die Geschichte hätte genau so passieren können.
Awa K.



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