
Am Donnerstag, den 25.06.26, ist der 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann. Zur Feier ist ein neuer Film in den Kinos: Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war.
Eindringlich und intim erzählt Regisseurin Regina Schilling die Geschichte der österreichischen Schriftstellerin. Dabei arbeitet sie mit Aufnahmen von Bachmann, Interviews, Textausschnitten der Schriftstellerin und improvisierten Szenen durch Sandra Hüller. Hüller schlüpft im Laufe des Filmes immer weiter in Bachmanns Rolle. Rauchend und tanzend, verspielt und intensiv nähert sie sich dem Alltag der Schriftstellerin an. Das Resultat ist ein einzigartiges Porträt, das die Komplexität und Menschlichkeit ihrer Person dabei niemals aus den Augen verliert.
Zwischen Dokumentation und Fiktion
Der Film bewegt sich clever zwischen Dokumentarfilm und Fiktion. Und das nicht nur durch das Untermalen der dokumentarischen Elemente durch improvisierte Szenen. Denn selbst diese werden zu Beginn dokumentarisch festgehalten: Der Film wird durch eine gesprochene Nachricht von Regisseurin Regina Schilling an Schauspielerin Sandra Hüller eingeleitet. Schilling berichtet ihr, einen Film über Ingeborg Bachmann drehen zu werden. Und da sie wisse, dass die verstorbene Schriftstellerin ebenso bedeutend für Hüller ist wie für sie selbst, müsse sie die Hauptrolle übernehmen. Die perfekte Kulisse habe sie bereits gefunden: Eine Wohnung in Rom, welche die von Bachmann perfekt widerspiegeln würde.
Zuschauer*innen werden zur ersten Sichtung der Wohnung seitens Hüllers mitgenommen. Dabei ist die Begeisterung beider Frauen spürbar. Auch in die Maske sind Zuschauer*innen eingeladen. Sie verfolgen den Moment, in dem Hüller erstmals die Perücke installiert bekommt, die dem ikonischen blonden Haar Ingeborg Bachmanns entspricht.
In einem Interview mit der Regisseurin gibt sie Preis, wie die Arbeiten von Bachmann im Film verlebendigt werden konnten. Dafür habe Sandra Hüller zunächst Zeit in einem Studio verbracht, um Textpassagen von Bachmann aufzunehmen. Während der improvisierten und imaginierten Alltagsszenen wurden ihr die Tonaufnahmen per Knopf im Ohr vorgespielt. Mit dieser immersiven Praktik konnte Hüller „direkt auf Bachmanns Texte reagieren“ (Schilling 2026).
Der Film vermittelt eine Reise in das Leben Ingeborg Bachmanns und stellt klar, dass die Macherinnen sich dabei in einem Boot mit dem Publikum befinden. Erfrischenderweise maßen sie sich weder an, alle Geheimnisse der Schriftstellerinnen aufdecken zu können, noch beabsichtigen sie dies. Sie beuten ihr Leben, ihre Erfahrungen und Schmerzen damit nicht aus. Die hohe Achtung und der Respekt ihrer Person bleibt von Anfang bis Ende des Filmes spürbar.

Ingeborg Bachmanns „Männergeschichten“
Weiter noch verzichtet Schilling darauf das skandalierte Liebesleben der Schriftstellerin zu sezieren. Sie erläutert, Ingeborg Bachmann und ihr Werk in dem Film „sprechen und leuchten“ (Schilling 2026) lassen zu wollen; als eigenständige Person und Schriftstellerin, weitgehend unabhängig von den Männern in ihrem Leben. Denn während diese im Film nicht vollkommen ausgeblendet werden, verweigert er ihre Rollen überproportional zu fokussieren. Regina Schilling formuliert:
„Wer mehr über diese Intimitäten und ihrer „Männergeschichten“ erfahren möchte, kann das in der Bachmann-Biografien oder Briefwechseln nachlesen. Mir war wichtig, Respekt und Distanz zu ihrer Person und damit auch ihr Geheimnis zu wahren.“ (Schilling 2026)
Ihr Ziel sei dabei gewesen, dem Publikum Bachmann wieder als begabte Schriftstellerin in Erinnerung zu rufen. Der Film widerspricht der eindimensionalen Darstellung Ingeborg Bachmanns als einer von Männern gebrochenen Frau und verhindert den direkten Male Gaze (dt.: männlichen Blick) auf ihre Person.
Stattdessen erzählt der Film episodisch von Bachmanns Kindheit, geprägt von Kriegserfahrungen; ihren Aufstieg als Lyrikerin in der Gruppe 47 und insbesondere ihrem späteren Leben in Rom. Das Herzstück des Filmes bleiben dabei grundsätzlich ihre literarischen Werke.
Eine Stimme der Nachkriegszeit
Ingeborg Bachmann erlangte während ihres Lebens großen Erfolg als bedeutende Schriftstellerin der Nachkriegszeit. Mit Gedichten aus ihrem ersten eigenständigen Lyrikband “Die gestundete Zeit”, gewann sie 1953 den Preis der Gruppe 47. Brutal und ehrlich setzte sie sich mit den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges auseinander. Thematisch blieb dabei besonders das Schweigen über die Gräueltaten der Nationalsozialist*innen eine stetige Begleitung in ihren Werken. Die frühe aktive Mitgliedschaft ihres Vaters in der NSDAP griff sie ebenfalls auf und haderte damit, dass das Leben für Täter und Opfer nach einem solch monumentalen Geschehnis normal weitergehen sollte.
Mit Versen wie “Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden” (Bachmann 1953) bleiben ihre Gedichte hochaktuell.
Ihrer Zeit Voraus
“… ich habe schon vorher darüber nachgedacht, wo fängt der Faschismus an. Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, … Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau …” (Bachmann 1973)
Nicht nur Ihre Gedichte zum Krieg bleiben bis heute aktuell. Auch ihre Verhandlungen von den Machtgefällen zwischen Männern und Frauen tragen weiterhin Relevanz. Regina Schilling formuliert, dass Ingeborg Bachmann ihrer Zeit voraus war:
„Sie hat sich in ihrer Literatur bereits mit Themen auseinandergesetzt, die heute selbstverständlich diskutiert werden und für die es damals noch keine Begriffe gab: Femizid, Mansplaining, Gender und Identität.“ (Schilling 2026)
Mit ihrer einzigartigen Sprache und radikalen Ehrlichkeit sind ihre Arbeiten für Feminist*innen bis heute bahnbrechend.
Für alle, die mehr über Ingeborg Bachmann, ihr Leben und ihre Arbeit auf eine einzigartig atmosphärische Weise erfahren möchten, ist der Film Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war ein absoluter Must-Watch!
Den Film im Bremer Kino schauen.
Sara Haertel



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