Ob Salzstangen mit Sahne, Spekulatius mit Gewürzketchup oder Downton Abbey – wir alle haben sogenannte Guilty Pleasures. Doch was ist das überhaupt? Wer bestimmt den Begriff? Und was überwiegt hier mehr – die Schuld oder der Genuss? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich Renate, Jasmin, Joline und Andrea in unserer neuen Folge des queerfeministischen Generationenpodcasts von Boom bis Z.

Wenn der Genuss plötzlich ein schlechtes Gewissen macht
Der Begriff Guilty Pleasures ist seit Jahren auf Social Media zu finden und wird besonders von jüngeren Generationen fast schon inflationär verwendet. Aber was ist damit eigentlich gemeint?
Laut Lexikon-Definition sprechen wir hierbei von einem schuldigen oder heimlichen Vergnügen. Damit sind also Dinge gemeint, die uns Freude bereiten, uns gleichzeitig aber sinnlos oder peinlich erscheinen. Oft steckt dahinter nicht nur unsere eigene, sondern auch eine gesellschaftliche Wertung, die dafür sorgt, dass sich das schlechte Gewissen bei uns meldet. Erstmals aufgekommen ist der Begriff bereits 2004 im Urban Dictionary. In Deutschland trendete er vor allem ab 2009 durch Ashley Tisdales Album Guilty Pleasure.
Das wäre also geklärt. Aber ab wann verdrängt denn nun die guilt das reine pleasure?
Zwischen Trash-TV und der Sehnsucht nach dem Traumschiff
Auch unsere vier Podcasterinnen haben auf diese Frage ganz unterschiedliche Antworten. Deutlich wird jedoch ganz schnell, dass die genaue Definition von den Generationen abhängt. Andrea beispielsweise, als Vertreterin der Generation kurz vor Boomer, erinnert sich noch an Zeiten, als der Wunsch nach einem Baby ein Guilty Pleasure war – lange bevor der Begriff selbst überhaupt Teil unserer Alltagssprache wurde. Jasmin und Joline hingegen, beide Generation Z, sehen ihre Guilty Pleasures eher im Schauen von schlechten Filmen und Trash TV – um sich danach absichtlich darüber aufzuregen – im Zocken oder auch im Ausprobieren wilder Essenskombinationen, wie Spekulatius mit Gewürzketchup.
Schnell wird allerdings auch deutlich, dass nicht alles als guilty bezeichnet werden muss: Die Twilight Saga wird beispielsweise ritterlich verteidigt. Auch das Traumschiff bleibt, vor allem dank Renate, von der Diskussion nicht verschont. Am Beispiel der privilegierten, reichen Passagiere bekommt Andrea eine Erkenntnis: Guilty Pleasures scheinen etwas zu sein, das man selbst vielleicht gar nicht unbedingt so gut findet, das uns aber dennoch dazu bringt, genau das zu tun. Wir haben es also mit einer ganz bestimmten Art von Faszination zu tun.
Von kapitalistischer Selfcare und philosophischen Pommes
Anhand diverser Listen von Webistes hangeln sich die Vier an den in Deutschland am weitesten verbeiteten Guilty Pleasures entlang. Dass Selfcare auf der Liste steht, versetzt alle Generationen ins Staunen. Denn seit wann muss man sich dafür schuldig fühlen, dass man sich um sich selbst kümmert? Spielt hier vielleicht der kapitalistische Aspekt mit rein, dass der Selfcare-Markt geradezu von Beauty-Produkten und Selbsthilfe-Büchern überschwemmt wird? Liegt das guilty im pleasure vielleicht sogar an einer patriarchalen Auslegung von Gender-Rollen?
Bei Fast Food bleiben die Podcasterinnen hängen. Was auf den ersten Blick nur logisch erscheint – immerhin essen wir ja alle gern mal einen (veganen) Burger oder Pommes im Freibad – wird auf den zweiten Blick zu einer philosophischen Herausforderung. Denn die eigentliche Frage ist nicht, wann wir uns schuldig fühlen, sondern vor allem, wem gegenüber.
Auch Prokrastinieren fällt in diese Kategorie. Denn natürlich fühlen wir uns schuldig, wenn wir wieder diese eine Sache aufschieben, die schon seit Wochen auf der To-Do-Liste steht, und stattdessen unser Zimmer zum zehnten Mal diese Woche umstellen. Aber wo bleibt denn dabei nun der Genuss?!
Guilty Pleasures oder Selbstberuhigung?
Die Philosophie geht weiter – Guilty Pleasures können auch nützlich sein! So können sie beispielsweise als Coping-Strategie für drastische Erfahrungen, Traumata oder auch einfach zum Abschalten nach einem anstrengenden Arbeitstag genutzt werden. In der Psychologie spricht man hierbei von Eskapismus oder self-soothing behavior (Selbstregulation).
Aber auch auf gesellschaftlicher Ebene können Guilty Pleasures vor allem dabei helfen, zum Nachdenken anzuregen und das eigene Verhalten moralisch zu hinterfragen.
Ein Rebranding muss her!
Bei all diesen Weisheiten und Nützlichkeiten stellt sich nun die Frage: Ist der Begriff Guilty Pleasure dann überhaupt noch passend? Tatsächlich gibt es Vorschläge für Neudefinitionen, die auch unsere Podcasterinnen sehr begrüßen: joyful induldgences (freudige Verwöhnung) oder tiny personal luxuries (kleine persönliche Luxusdinge) treffen hier wohl eher auf den Punkt.
Der ultimative Reality-Check
Um nun aber sicher zu gehen, dass es sich bei den eigenen geheimen Vorlieben wirklich um tiny personal luxuries handelt, und wir uns nicht am Ende selbst sabotieren, hat Jasmin sogar eine Checkliste parat, mit der man seine pleasures auf die Probe stellen kann:
- Fühlst du dich hinterher besser oder schlechter?
- Hast du es unter Kontrolle oder kontrolliert es dich?
- Trägt es etwas Positives zu deinem Leben bei oder betäubt es nur Negatives? (Anmerkung: Natürlich kommt es darauf an, wie sehr es eine betäubende Wirkung hat. Ein Ausgleich zum Arbeitsalltag wird von den Podcasterinnen einvernehmlich abgenickt. )
Das war aber noch längst nicht alles! Wenn ihr wissen wollt, warum Trump anscheinend zu viele Möhren isst, Florian Silbereisen für Renate gleich zwei Guilty Pleasures in sich vereint, Indie irgendwie auch nur Schlagermusik ist und was eigentlich Timmy der Wal mit all dem zu tun hat, dann hört doch gerne in die neue Folge rein. Ihr findet sie überall, wo es Podcasts gibt!
Kathi



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