
Die 28-jährige Sängerin Chappell Roan erreichte 2023 durch ihr Album “The Rise and Fall of a Midwest Princess” Bekanntheit und ist ein Jahr später mit der Hit Single “Good Luck, Babe” international durchgestartet. Durch ihre Karriere hindurch zogen sich immer wieder heftige Hate Trains (dt. Hasswelle) im Internet, bei denen viele Leute Video Essays über sie veröffentlicht und Hasskommentare geschrieben haben.
Um diese verbale Gewalt gegen Frauen im Netz zu analysieren, lässt sich die Misogynie-Skala von Rottweiler heranziehen, die Frauenhass in drei verschiedene Facetten unterteilt. Teilnehmer der Studie kriegen einen Fragebogen, und jede Facette wird durch verschiedene Fragen ermittelt. Auch wenn diese Studie nur Männer befragt, internalisierte Misogynie also gar nicht mit einbezogen wird, sind diese gleichen Narrative im Fall von Chappell Roan aufzufinden, in dem auch Frauen beteiligt waren.
Die erste Facette: Manipulation
Die erste Facette ist die Manipulation. Frauen würden so tun, als würden sie unfair behandelt werden, wenn Dinge nicht so passieren, wie sie wollen.
Bei Chappell Roan geschieht dies kurz nach ihrem Durchbruch – sie erzählte in einem Video, dass sie sich wünscht, nicht mehr von Fans verfolgt zu werden. Plakate unterschreiben nach Konzerten sei okay, aber wenn Leute ihr nach Hause folgen, ist das zu viel. Danach gab es eine Welle an schockierten User*innen, die dies eingebildet fanden und argumentierten, dass man sich diesem Leben eben aussetzt, wenn man berühmt ist.
Die zweite Facette: Misstrauen
Misstrauen gegenüber Frauen ist die zweite Facette. Diese Hasswelle gab es, als Chappell Roan Kamala Harris nicht explizit für die US-Wahl 2024 unterstützen wollte. Die beiden politischen Themen, die ihr am wichtigsten waren – Transrechte und Unabhängigkeit für Palästina – wären im demokratischen Wahlprogramm nicht genug bzw. bei Palästina gar nicht abgedeckt. Als Reaktion auf dieses Video warfen ihr viele Menschen vor, Trump-Unterstützerin zu sein und misstrauten ihr, obwohl sie immer wieder durch spezifische politische Standpunkte klargemacht hat, wo sie steht und als lesbische Frau, die als Drag Queen auftritt von Trumps Politik negativ beeinflusst wird.
Auch dieses Jahr gab es eine Situation, in der Misstrauen den Kern der Hasswelle ausgemacht hat. Der Fußballer Jorginho hat behauptet, dass Chappell Roan’s Sicherheitsteam seine Stieftochter zum Weinen gebracht haben. In einem Hotelrestaurant in Brasilien hatte seine Tochter Chappell Roan angelächelt und der Security Guard sie in einem aggressiven Ton beschuldigt, die Sängerin belästigt zu haben.
Jorginho postete die Geschichte direkt in den sozialen Medien und sie erhielt so viel Aufmerksamkeit, dass sich der Bürgermeister von Rio de Janeiro zu Wort meldete und es Chappell Roan verbot, beim “Todo Mundo No Rio” Festival zu spielen.
Später stellte sich heraus, dass es nicht Chappell Roans Bodyguard war, sondern ein Mitarbeiter des Hotels, der nichts mit ihr zu tun hatte. Trotzdem hatte die Geschichte bereits Wellen geschlagen und es haben immer noch dutzende Menschen lieber einem Mann vertraut, der keinerlei Beweise hatte als einer Frau. Das Narrativ dahinter ist, Frauen grundlegend zu misstrauen und zu denken, dass sie sowieso lügen.
Bei beiden Situationen gab es im Nachhinein eine Zeit der Reue, in der viele User*innen ihr Verhalten reflektiert haben. Die meisten waren sich einig, dass der Hass ein bisschen zu dramatisch gewesen sei und man Chappell Roan nicht so angehen sollte.
Trotzdem passiert es jedes Mal wieder.
Die dritte Facette: Generelle Abwertung
Die dritte Facette schwingt in jedem misogynen Skandal im Netz mit: Die generelle Abwertung von Frauen, durch Aussagen wie “Ich denke, ich werde von Frauen unfair behandelt.”
Vor allem in Zeiten der Manosphere wird der Hass gegenüber Frauen, berühmt oder nicht, immer schlimmer. Durch die misogynen Videos von „Alpha-Males“, die anderen Männern vermitteln, dass man die Grenzen von Frauen nicht respektieren soll oder gar muss, werden alle drei Facetten der Studie konstant vermittelt und vor allem jungen Männern eingetrichtert.
Wie bereits erwähnt, ist es interessant, dass in der Studie nur Männer befragt wurden und internalisierte Misogynie somit außenvor gelassen wurde. Schließlich sind es nicht nur Männer, die Frauen wie Chappell Roan das Leben schwer machen, sondern auch andere Frauen.
Es fühlt sich so an, als gebe es jeden Monat eine weitere Frau, die überproportional viel Hass für Kleinigkeiten abbekommt. Und wenn es nicht Chappell Roan ist, dann sind es Taylor Swift oder Blake Lively. Das Internet liebt es scheinbar, Frauen zu hassen. Und egal wie oft man zurückrudert und sich eingesteht, dass man dieses Mal bei dieser Frau vielleicht ein bisschen zu hart war; es passiert immer und immer wieder.
Lana Heinsen



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