Meine sexuelle Revolution

Um mal gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Hier geht es um meine persönliche sexuelle Revolution. Zumindest gab ich ihr vor längerer Zeit mal diesen Titel. Und diese Revolution lief mehr als friedlich ab. Vor allem half sie mir in einer schwierigen Situation etwas zu verstehen, was manchmal nicht mit Worten erklärbar ist.

Nackte Unterschenkel und Füße eines Paares

(c) fotolia/ tiagozr

Ich war 27 Jahre alt und hatte schon einige sexuelle Erfahrungen und Beziehungen hinter mir. Eigentlich dachte ich, dass ich ziemlich gut Bescheid wüsste, über mich und meinen Körper und auch über mein Gegenüber. Aber Pustekuchen! Denn dann kam *Matti.
Ihn lernte ich in der WG einer Freundin kennen. Vom ersten Moment an, strahlte er etwas sehr Anziehendes und Erotisches auf mich aus. Ich könnte versuchen es jetzt an Äußerlichkeiten und gewissen Gesten festzumachen, an dem weißen Feinripp-Unterhemd, an dem etwas breitbeinigen Gang, an äußeren männlichen Klischees, die er vermutlich größtenteils bediente. Aber dennoch war es am Ende ein Gefühl. Und ich konnte mich dem nach ein paar Tagen in der WG nicht entziehen. Wir sind dann ziemlich schnell im Bett gelandet. Und es war nicht geil, es war nicht heiß, es war Ekstase.
In meiner Erinnerung haben wir es fast durchgehend getrieben, überall und immer und das fast ein halbes Jahr lang. Währenddessen waren wir unteranderem einige Zeit in Dänemark und es gab nichts anderes als unsere Körper und unser Verlangen. Dänemark war nur die Kulisse. Wir waren im Rausch und der gute Softporno wurde für mich zur Wirklichkeit. Und halt stopp – Hier ging es nicht nur ums Ficken! Nicht um Schwanz-in-Muschi-Rein-Raus-Erfahrung! Sondern um etwas für mich viel Tiefgreifenderes.

Ich machte die Erfahrung, dass mein Körper, meine Bedürfnisse, meine Lust einen riesigen Platz in dieser Welt haben. Dafür half mir die Begegnung mit Matti. Ohne ihn auf einen Podest stellen zu wollen, tue ich es in meiner Erinnerung dennoch. Denn Matti hatte keinerlei Hemmungen. Mit ihm konnte ich alles ausprobieren, jede Stellung, jede Fantasie. Er hat so eine Natürlichkeit auf mich ausgestrahlt, wie er sowohl mit seinem eigenen als auch meinen Körper umgegangen ist, dass ich ziemlich schnell alle eigenen Unsicherheiten verlor. Er gab mir das Gefühl, mich gut und schön zu fühlen.

Veronika Nawrata für #kollektivzyklus #quelle #source #illustration #submission #girlswhodraw

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Mit Matti hatte ich den aufregendsten Telefonsex und den ersten überhaupt. Mit ihm lag ich in der Badewanne, während er mich fragte ob er mich rasieren dürfte, auch zwischen den Pobacken.
Er machte mir sichtbar, dass der eigene Körper und die eigene Lust, etwas ganz Besonderes ist. Sicherlich war es am Ende nicht er allein, der für all die schönen und aufregenden Gefühle in mir gesorgt hat. Sondern die Verbindung zwischen uns. Doch war er das richtige Gegenüber um es erfahrbar und greifbar zu machen, um loszulassen und mich einzulassen.

Trotzdem wäre die Geschichte nicht rund, wenn nicht ein großes Detail fehlen würde. Denn ich lernte Matti in einer Phase kennen, in der mein Körper sehr geschwächt war und ich mehrere Operationen vor und hinter mit hatte. Eigentlich war ich gerade nicht wirklich an einer Affäre oder Liebesbeziehung interessiert und hatte echt eine andere Baustelle und die hieß “Gesundheit wieder herstellen“. Aber wie es im Leben halt manchmal so anders kommt, hat mir die eigene Lust und das Verlangen nach einem anderen Menschen über diese schwere Zeit geholfen. Und ich brauchte dafür einen Matti, der mit keinerlei Scheu und viel Respekt meinen Körper in den siebten Himmel beförderte. Neben dieser sexuellen Wucht zwischen uns, gab es auch viele liebende Momente. Ich erinnere, wie ich in einem Krankenhaus am Arsch der Welt lag während eines verdammt heißen Sommers und Matti am Abend kam. Ich erinnere, wie er dort an meinem Bett stand in seinem gelben T-Shirt, nach Sonnencreme roch und mir das Leben einhauchte. Wie er sich links neben mich legte und rechts mein Blut in die Kanüle tropfte. Ich erinnere wie seine Wärme mich wärmte und wie wir so nebeneinander liegend schliefen, bis die Krankenschwester uns weckte und Matti schnell zur Arbeit nach Hamburg zurück musste. Es mag kitschig klingen. Aber so war es. Und vor allem war es beruhigend, ein tiefes Gefühl nicht allein zu sein.

Durch die Verletzbarkeit meines eigenen Körpers, lernte ich komischerweise meine eigene Lust erst richtig kennen. Lust heißt nämlich auch die Gier und den Willen auf dieses Leben zu spüren und für mich persönlich ist dafür meine sexuelle Kraft sehr wesentlich. Das Verlangen und einen anderen Menschen zu begehren, kann grandios sein und Spaß machen. Vielleicht denke ich darüber in einigen Jahren anders und für andere mag es sich anders anfühlen. Aber in der sexuellen Lust liegt so viel verborgen. Wir kommunizieren, wir wünschen und wir sind in ihr, der Mensch der wir sind. Sie zeigt uns unsere eigene Verletzbarkeit genauso wie die Lust und Begierde.

Die Beziehung mit Matti hielt wie gesagt, nicht länger als sechs Monate. Ich war sehr traurig, als ich ihm einen Abschiedsbrief schrieb. So stark unsere sexuelle Beziehung auch war, reichte es nicht um über unsere unterschiedlichen Lebensauffassungen hinwegzutäuschen.
Trotzdem bleibt diese Erfahrung, die sich oberflächlich wie ein guter Porno anhört, mehr als das. Denn sie hat mir Lebenslust geschenkt und daher geht es vermutlich nicht nur um eine persönliche Revolution, sondern darum diesen wunderbaren Trieb, diese Kraft die einem das Leben gibt, wahrzunehmen.

Maja

*Mattis Name wurde geändert

  2 comments for “Meine sexuelle Revolution

  1. Ronja
    13. Dezember 2017 at 9:41

    Ein wunderbarer, einfühlsamer und schöner Bericht. Danke!

    • Maja
      13. Dezember 2017 at 10:57

      Oh, das höre ich mehr als gerne! Danke dir, Ronja!

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