Schicksal Serientod: „Bury Your Gays“

Im US-Fernsehen heißt oft „Bury Your Gays“. In der TV-Saison von Juni 2015 bis Mai 2016 starben 26 frauenliebende Frauenfiguren in Fernsehserien, die im US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Damit machten sie einen Anteil von zehn Prozent der Toten aus, waren jedoch nur mit zwei Prozent in der Gesamtheit der Figuren vertreten, berichtet das queer-feministische Onlinemagazin AfterEllen. Auch in Deutschland gibt es nur wenige frauenliebende Frauenfiguren im TV.

Es geschieht häufig nach dem gleichen Schema. Eine lesbische oder bisexuelle Frauenfigur findet endlich ihr Glück mit einer anderen Frau, sie schlafen miteinander, dann wird sie getötet – von einer Kugel, die nicht für sie bestimmt war.

Zeichnung: zwei junge Frauen vor bunter Lesben-Flagge

Lexa (rechts) fiel „Bury Your Gays“ zum Opfer (c) Hannah Lena Puschnig

Genau so starb auch Commander Lexa aus The 100, einer Science-Fiction-Serie, die für ein junges Publikum ausgelegt ist. Lexa ist lesbisch. Sie verliebt sich in die Protagonistin der Serie, die bisexuelle Clarke. Die sich entwickelnde Beziehung von „Clexa“ nahm einen beachtlichen Teil der Handlung ein. Mit der Romanze der beiden wurde vielfach geworben, um neue Zuschauer*innen zu gewinnen. Lexa entsprach keinen Klischees. Die Serie galt als progressiv und LGBTQ-freundlich. Auf Twitter sagten die Verantwortlichen der Serie, sie seien sich des „Bury Your Gays“-Trends bewusst. Dennoch musste Lexa sterben. Dementsprechend wütend waren die Fans, denen eine geliebte Figur entrissen wurde.

Sehnsucht auf ein Happy End

In den letzten 40 Jahren gab es 383 lesbische und bisexuelle weibliche Charaktere im US-Fernsehen, ergab eine Untersuchung von Autostraddle, einem Onlinemagazin für frauenliebende Frauen. Diese Zahl ist deutlich höher, als sie es früher war – im Vergleich zu der Anzahl heterosexueller Frauenfiguren jedoch immer noch gering. In der vergangenen TV-Saison waren vier Prozent aller Serienfiguren, die in den USA zu sehen waren, Mitglieder der LGBTQ-Community, berichtet Glaad, eine Organisation die sich gegen Diskriminierung von Menschen, die LGBTQ sind, einsetzt. Der reale Anteil von Menschen, die schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender sind, beträgt Schätzungen zu Folge vier bis zehn Prozent, Tendenz steigend. Grund dafür, dass sich mehr Leute als LGBTQ identifizieren, sind eine offenere Gesellschaft und mehr Informationsmöglichkeiten. Eine Studie eines Trendforschungsinstituts ergab, dass sich nur 48 Prozent aller Teenager in den USA als „ausschließlich heterosexuell“ bezeichnen würden.

Für sie sind positive Darstellungen von Menschen, die LGBTQ sind, wichtig. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts ergab, dass LGBTQ-Teenager eine höhere Suizidgefahr haben, als andere Teenager. „Für viele Fans, vor allem junge Fans, wird Fernsehen zu einer Methode, mit einer ablehnenden Umgebung umzugehen und ihrem Leben für einen Moment zu entfliehen“, erklärt die Initiative LGBT-Fans Deserve Better. „Sie sehen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: dass sie kein einfaches Leben haben werden; dass sie keine Zukunft haben, in der sie glücklich sein können.“

„Bury Your Gays“ hat eine lange Tradition

Zeichnung, Frau hält andere Frau in ihren Armen

Kein Happy End in lesbischer Pulp Fiction (c) Hannah Lena Puschnig

Gründe für den „Bury Your Gays“-Trend sind vielfältig. Es handelt sich auch um kein neues Phänomen. In den 1950ern und 60ern gab es in der Pulp Fiction, den amerikanischen Groschenromanen, Darstellungen von Beziehungen erotischer Natur zwischen Frauen. Damals war gleichgeschlechtliche Liebe längst nicht so gesellschaftlich akzeptiert, wie heute. Um der Zensur zu entgehen, waren Autor*innen angehalten, ein trauriges Ende für ihre Heldinnen zu schreiben. In den meisten Fällen bedeutete das den Tod der „Verführerin“, während die andere Frau mit gebrochenem Herzen in ihr heterosexuelles Leben zurückkehrt. Es sollte deutlich gemacht werden, dass es mit jemandem, der sich auf „sowas“ einlässt, kein gutes Ende nehmen könne.

LGBT-Fans Deserve Better sammelt Spenden für Suizidhotline

The 100-Fans haben die Initiative LGBT-Fans Deserve Better (deutsch „LGBT-Fans haben mehr verdient“) gegründet. Sie ermutigen Drehbuchautor*innen und andere Kreative, das „Lexa-Versprechen“ abzugeben. Das Versprechen besteht aus sieben Teilen. Unterzeichnende verpflichten sich, interessante Handlungsbögen für LGBT-Charaktere zu schreiben. Sie versprechen LGBT-Organisationen zu konsultieren und Fans nicht mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu ködern, die es letztendlich nicht (lange) auf den Bildschirm schaffen.

Außerdem sammelten Fans Spenden für The Trevor Project, eine amerikanische Organisation, die eine Hotline für Jugendliche in Krisensituationen betreibt und Material zum Thema Suizidprävention für Schulen bereitstellt. Für diesen Zweck haben sie bereits knapp 138.000 US-Dollar eingenommen.

Mit Aktionen auf Twitter und anderen Netzwerken machen sie auf das Phänomen „Bury Your Gays“ aufmerksam. Ein YouTube-Video (englisch, deutsche Untertitel verfügbar) erklärt, warum sie das tun:

Hannah Lena Puschnig

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