„Let the Music Play“ – DJanes in Deutschland #4

Interview mit der DJane Ä. Müller aus Bremen

Djane Ä. Müller

@ H. Lüdecker

Wie heißt Du als DJane?

Ä. Müller. Dabei ist Ä. Die Abkürzung für Ärger.

Wie alt bist Du?

33

Bist Du mit Musik aufgewachsen?

Meine Eltern hörten viel Klassik, alten Jazz und Beatles und meine Mutter spielte damals häufig Klavier. Außerdem habe ich zwei ältere Brüder, denen ich Kassetten mit 80er Jahre Pop, Iron Maiden und ACDC klauen konnte, was ich auch stets getan habe.

Ich war sieben, als eine meiner beiden engsten Freundinnen ihrer Mutter Kassetten mit Prince, Billy Idol und Einstürzende Neubauten geklaut hatte. Wir lieben die Musik (auch heute noch) und spielten den ganzen Tag dazu.

Durch meinen ältesten Bruder lernte ich dann später Tom Waits aber auch Metal, Hardcore, Punk und vor allem Dead Can Dance, This Mortal Coil, Sisters of Mercy, Cure, Joy Division und Bauhaus kennen. Ich klaute ihm vorwiegend seine Grufti-Kassetten und zog mich zumindest dunkelblau an, weil ich mit elf Jahren einfach nicht genügend schwarze Klamotten hatte. Damit war der Grundstein für meine spätere subkulturelle Ausrichtung gesetzt.

Trotzdem sammelte ich von Anfang an alles an Musik, was mir in die Finger kam.

Wie bist Du zur Musik gekommen?

Ganz genau kann ich das nicht sagen. Ich hab schon als Minimensch ständig gesungen und zu Musik vor mich geträumt. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit ca. fünf Jahren durch „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles solche Energie bekommen hab, dass ich, so schnell wie ich konnte, Runden auf allen Vieren um den Wohnzimmertisch meiner Eltern gedreht habe. Musik hatte immer eine unmittelbare Wirkung auf mich und ich hab sie früh bewusst gehört und geliebt. Musik steht für mich für das Lebendige an sich, es ist die wortlose, direkteste Sprache.

Hast Du Vorbilder?

Ich liebe und verehre alle virtuosen Menschen. Egal ob sie berühmt sind oder heimlich, still und leise vor sich hin zaubern. Kate Bush, Prince, Nick Cave, Michael Wollny, Tom Waits, Goreccki, Mozart, Aziza Mustafa Zadeh, David Bowie, Chameleons, Wipers, Cocteau Twins, Sonic Youth, Pixies bla bla bla bla usw usw usw.

Wie lange legst Du schon auf?

Ich hab vor sechs oder sieben Jahren mit einem Freund auf einer Party das erste Mal aufgelegt. Er legte Punk und Northern Soul auf, ich alten Minimal, Post Punk und Industrial. War zumindest musikalisch ein super Abend. Kurz darauf wurde ich gefragt, ob ich auf einer Kohl-und-Pinkel-Feier auflegen könne. Da ich nebenher in einer Kneipe arbeite und da auch für die Musik zuständig bin, bekomme ich solche Anfragen ab und an. Ich sagte zu und bereitete mich darauf vor. Seit dem leg ich hin und wieder auf.

Welche Musikrichtungen legst Du auf?

Ich lege alles an 80er Jahre Musik auf, also Pop, Italo Disco, HipHop, Punk, Ska und Independent, inklusive und vor allem „Post-Punk“ oder Gothic Rock, Industrial, Minimal und NDW. Darüber hinaus lege ich gern 90er Trash auf. Ich habe auch Northern und Modern Soul, Rock’n Roll, alten R’n B, Beat, Rockabilly, bischen Country und natürlich auch viel aktuelle Independent Musik.

Erfüllst Du gerne Musikwünsche?

Wenn der Musikwunsch in die Stimmung, also irgendwie in den musikalischen Kontext passt und ich ihn erfüllen kann, ja. Aber es gibt Grenzen. Ich könnte weder einen Elektroabend bestreiten noch eine 0815-Hochzeits-Djane miemen. Bei Bands wie R**olver*eld krümmt sich die Nadel meines Plattenspielers und mein Rechner stürzt ab.

Wie viele DJanes kennst Du noch?

Ad hoc fallen mir vier DJanes ein.

Wie siehst Du überhaupt die „Djane-Szene“?

Gibt es eine DJane-Szene? Für mich waren Frauen hinterm Mischpult immer völlig normal und selbstverständlich. Ich nehme an, dass das an meiner Subkultur liegt. Zu der Gothic-Szene gehören nicht nur alle Weisen der Liebe und Lust, sondern auch Identitäten. Da stellt sich nicht die Frage nach dem Geschlecht des Plattenmenschens. Die Szene ist so vielfältig, wie die musikalischen Genres, die sie beherbergt. In der ersten Disco, die ich von innen gesehen hab, legte schon eine DJane auf.

Darüber hinaus bin ich in der alternativen Kneipenszene unterwegs, wo ich noch keine Probleme aufgrund meines Geschlechtes hatte.

Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es DJanes im Mainstream-Bereich wesentlich schwerer haben und nicht ernst genommen werden. Trotzdem ist es für mich eine bizarrer Gedanke.

Ich kann bestimmt nicht für alle sprechen, sondern wirklich nur meine subjektiven Erfahrungen wieder geben.

Wo und wie legst Du am liebsten auf?

Am liebsten lege ich mit ausgesuchten Freund*innen auf Parties und in Discos oder Kneipen auf. Dabei können wir uns gegenseitig inspirieren, ergänzen und legen abwechslungsreicher auf und können ab und an mit nem Bier und Schnäpperchen anstoßen.

Worüber wirst Du gebucht?

Meistens über Mund zu Mund Propaganda und von Gästen der Kneipe, in der ich arbeite oder über Freund*innen.

Kannst Du vom Auflegen leben?

Selbstverständlich nicht. Und das will ich auch nicht. Wenn ich mich vom Auflegen finanziell abhängig machen würde, müsste ich mich musikalisch verbiegen lassen und inhaltlich aushöhlen. Es wäre nicht das Gleiche und ich hätte Angst, die Liebe zur Musik zu verlieren, wie es tatsächlich Kolleg*innen ergangen ist.

B. Lindemann

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