Auf der Suche

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schwarzes brett
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hier bin ich also gelandet
und will eigentlich mit dem nächsten klick weg
nur raus hier
enge im hals
im kopf
im herz

verliere mich jedoch
zwischen anforderungen und aufforderungen
inmitten eines karussells von unten bis ganz oben
als lagerist*in sich überlagern lassen
als topmanager*in die anderen topen

mein magen rebelliert
erbreche mich
direkt über die tastatur

also bleibt’s dabei
dann doch lieber hartz vier
die zeit verstreichen lassen
luftschlösser bauen
geschichten erdichten

und jetzt
das erbrochene aufwischen
ekel
meine schleimhäute vibrieren
nasenflügel zudrücken
reste aus den ritzen pulen

während des pulens
poliere ich in gedanken
die glatze meines arbeitsvermittlers
ich streichel ihn
sanft über seine wange
was ein armer junge
was ein armes schwein

jeden tag elektronische akten
jeden tag hoffnungslose
noch hoffnungsloser machen

ich flüstere ihm sanft ins ohr
ist auch nur ein job
kannst du nichts für
dass das system system hat

dabei lächel ich ihn an
nehme meinen mantel
gehe zur tür
und hauche ihm einen luftkuss zu

der letzte brocken
ist fast raus
das A der tastatur
kann gleich wieder atmen
und ich ganz viele worte mit A schreiben
Amt
Arbeit
Arbeitslos
Arbeitsvermittler
Arschlöcher

genug ist genug
kreischt meiner mitbewohnerin
mir plötzlich in mein rechtes ohr
hä, was hat die alte jetzt
ist doch nicht meine mudda

ich solle meine haare aus der duschwanne entfernen
aber wirklich jedes einzelne
den müll rausbringen
das bad und die küche putzen
und endlich mal klar kommen

meine erkenntnis
ich gehe ihr auf den sack
ihre erkenntnis
geh arbeiten

geh arbeiten
und zack ist die tür hinter ihr zu

ein schauer überkommt mich
er zieht von meiner kopfhaut
bis in meinen kleinen zeh
fühle mich leer
mich ertappt
beim nichts tun
beim schlecht fühlen

fange an zu schluchzen
erst leise
dann lauter
jede schutzschicht hat mich nun endgültig verlassen

ich heul

und hinterlasse ein meer aus
selbstzweifeln
enttäuschung
wut
schmerz

keine ahnung
wie leben geht
kein plan
vom plan
keine idee
einer idee

mein superhirn
kann nicht mehr
kann nicht mehr gegen ankämpfen
voller erschöpfung
falle ich ins bett

ich träume
fliege
zufriedenheit
wärme
liebe

wache irgendwann auf
der display meines laptops strahlt mich an
schwarzes brett
jobangebote
lagerist*in
topmanage*in
ich erinnere
dass ich kein profil habe
nur wahnsinnig viel glück
dass ich noch suchen kann

Eine Frau sitzt auf ihrem Bett und hat einen Laptop auf ihren Oberschenkeln liegen, an dem sie tippt. Hinter ihr eine blaue Wand mit Rissen ,auf der geschrieben steht: Geh arbeiten Arbeitslosigkeit

(c) Mara Djukaric

Lyrik geschrieben von einer von 4.009.902 Hartz4-Empfänger*innen

  1 comment for “Auf der Suche

  1. Kim
    13. März 2019 at 11:48

    Es tut weh, zu lesen, welches Gefühl man denen, die HartzVI erhalten, anscheinend gibt und wie allein gelassen sich viele fühlen! Danke für deine Worte und danke für diese wunderschöne Lyrik!

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