Der Verpflichtung wegen

Dies ist ein Text über Verpflichtungen. Wie jeder ordentliche Text über allgemeingültige Begriffe verpflichtet er zur Begriffserklärung. Laut Duden gilt folgende Definition: das Verpflichtetsein zu etwas. Tätigkeit zu der jemand verpflichtet ist. Auch die Schuld wird an dieser Stelle genannt. Bei Wikipedia wird nur der Begriff der Pflicht anstelle der Verpflichtung erklärt. Dort heißt es:

Pflicht (von Pflegen im Sinne von wie etwas zu sein pflegt), auch Sollen oder Müssen ist eine Aufgabe, die jemandem aus prinzipiellen, persönlichen, situativen oder sozialen Gründen erwächst und deren Erfüllung er sich nicht entziehen kann.

So viel zu allgemein gültigen Erklärungen. Doch was heißt das im Persönlichen? Warum fühlen wir uns häufig in der Pflicht? Im Privaten wie im Beruflichen. Was ist dran an der Definition, dass Verpflichtung aus der einer Schuld wächst? Und wem oder was sind wir eigentlich etwas schuldig?

Die Hochkonjunktur der Verpflichtungen

Aus der Vogelperspektive sieht man einen aufgeklappten Laptop, einen Kalender für 2019, eine Zeitschrift namens Konsum, eine Einkaufsliste, einen Rentenvorsorge- Vertrag, eine Petition, ein Smarthpone, Stift und Zettel, eiine Payback-Card und einen Nagelack. Alles un verschiedenen Farben.

(c) Jennifer Höltken

Viele von uns gehören zu den Menschen, die sich ständig verpflichten. Oft eher unbewusst – und dennoch tun wir es. In vielen Bereichen sind unsere Verpflichtungen auch sinnvoll, weil sie mit Verantwortung-Übernehmen einhergehen.
Doch die Grenze zwischen „es tut uns gut“ und „es tut uns nicht gut“ ist dabei häufig fließend. Oft werden uns von außen unnötige Verpflichtungen aufgebrummt. Sie lassen uns zu Marionetten werden und sind tief verankert in unserer piekfeinen Demokratie.
In unserer kapitalistischen Gesellschaft funktionieren Verpflichtungen vermutlich so: Wir kaufen und damit verpflichten wir uns. Wir verpflichten uns zur Lohnarbeit. Und damit das alles schön so weiter funktioniert, damit wir der Lohnarbeit gerecht werden, verpflichten wir uns weiter. Wir sichern uns ab. Mit Versicherungen. Mit Riester-Rente. Mit einer wahrscheinlich monogamen Beziehung. Am besten mit einem Menschen unserer Klasse. Damit wir diesen Standard halten können, damit wir fähig sind zu kooperieren, verpflichten wir uns, die eigenen Wünsche und Träume klein zu halten, drücken sie runter. Oder versuchen sie gar nicht erst wahrzunehmen. Da aber Sehnsüchte oft stärker sind, suchen wir uns Ersatz. Wünsche und Träume heißen nun: ein neues Auto, der Bali-Urlaub, das nächste Kind.
Vermutlich haben diese Wünsche auch ihre Berechtigung. Doch auch ihren Preis. Und es bleibt zu klären, ob sie uns nicht oft hinwegtäuschen über das eigentliche Leben.
Was würde passieren, wenn wir all diese unnützen Verpflichtungen in die Tonne kloppten? Wenn wir schauen, was uns wirklich bewegt und formt? Wenn wir nervige Fortbildungen und Verabredungen absagen? Den noch besser bezahlten Job nicht annehmen? Und die zehnte Hose nicht kaufen? Denn sie verpflichtet uns. Wäre dann nicht wieder mehr Platz? Für das eigene Selbst.

Die innere Schuldfrage

Es gibt eventuell nicht auf alle diese Fragen eine Antwort. Doch damit wir unser Leben so gestalten können, wie wir wollen, müssen sich erst einmal die gesellschaftlichen Strukturen verändern. Trotzdem gibt es viele Menschen, die versuchen sich bewusst von überflüssigen Verpflichtungen zu befreien, und sie machen positive Erfahrungen. Die eigene Intuition bekommt wieder Raum. Und der lässt uns wachsen. Hin und wieder sogar über uns selbst hinaus.
Die Herausforderung vieler, besteht jedoch darin mit der unterschwelligen Schuld, die oft mit der Verpflichtung einhergeht, umzugehen. Tief drin, unter einigen Schutzschichten verpackt, haben wir ständig das Gefühl, dass andere wichtiger sind als wir selbst: Damit ich sein darf, muss ich erst einmal für mein Gegenüber da sein.
Weiter gesponnen, wenn wir der Gesellschaft dienen, uns in unserem Kulturkreis einordnen, uns ihm verpflichten, nur dann dürfen wir in ihr – der Gesellschaft – als vollwertiges Glied existieren. Und ihre angeblichen Annehmlichkeiten sind heutzutage unsere Bonuspunkte bei Rewe.

Doch einige von uns wollen mehr. Wir wollen mehr Freiheit und weniger Pflicht. Oder wenigstens eine Gesellschaft, die uns die Möglichkeit gibt, zu überlegen, was wir überhaupt wollen. Wir wollen den Sinn begreifen und uns nicht in der Schuld einer Gesellschaft suhlen.
Was auch immer diese Schuld bedeutet. Ist sie historisch begründet? Religiösen oder geschlechtsspezifischen Ursprungs?
Unsere angebliche Schuld ist sicherlich auch immer eng verknüpft mit unserer jeweiligen Biografie. In ihr eingeschlossen. Und doch wäre es vermutlich sinnvoll zu versuchen, ihr nicht einen so großen Einfluss über unsere persönlichen Entscheidungen zu geben.
Dennoch verpflichten wir uns gerne auch bewusst. Ich beispielsweise, verpflichte meinen kritisch denkenden Kopf, beziehe Position, bin politisch, bin Feministin, und gerne fehlbar in allem wie ich bin. Dafür habe ich eine klare Entscheidung getroffen.
Ich verpflichte mich jedoch nicht für eine Gesellschaft, die mich nach dem Kaufrausch einsam zurück lässt, die mir unnötige Bürokratie aufzwingt, permanenten Perfektionismus einfordert.

Platz da für Freiheiten

Aufgekallter Laptop. Auf der Tastatur liegt ein Zettel, auf dem Steht: Wenn die Pflicht ruft, sag ihr, ich rufe sie zurück. Neben dem Laptop liegt ein Smartphone, ein Kalender für 2019, ein Stift, ein Gänseblümchen. Vor dem Laptop sieht man zwei Hände, die eine Tasse halten. Verpflichtung

(c) Jennifer Höltken

Freiheit ist ein großes Wort. Und doch gibt es sie. Häufig nur im Kleinen. Wir begegnen ihr, wenn wir zurücklassen, wenn wir uns von der Schuld anderer frei machen, wenn wir uns erlauben, wir selbst zu sein. Das funktioniert vermutlich nicht immer. Und doch sind genau dies unsere Kraftspender für den Alltag.
Es sind diese kleinen Freiheiten, die oft Großes bewirken, stellen wir dann voller Verwunderung fest. Mit dieser Erkenntnis retten wir leider nicht die Welt, verändern nicht unser politisches Klima und halten erst recht nicht den Klimawandel auf. Und doch helfen uns bewusst getroffene Entscheidungen gegen oder für bestimmte Verpflichtungen dabei, alternative Wege zu finden, um soziale, situative und persönliche Freiheiten zu ermöglichen.
Daher die Empfehlung: Platz da, der Freiheit wegen.

Br.

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