Eine Heimatgeschichte

Lokomotivenräder

(c)Angelika Behnk

Ich bin neu in Bremen. Und auf meinem Weg der Verirrungen bin ich auf einer Veranstaltung vom Lions Club Bremen Cosmoplitan gelandet. „Wo ist meine Heimat?“ wurde in der vergangenen Woche als Thematik der „Europawoche 2015“ im EuropaPunktBremen aufgenommen. Die Podiumsdiskussion leitete die Vorsitzende des Bremer Rats für Integration, Libuse Cerna. Eine Frau, die vor geraumer Zeit selbst ihre Heimat verlassen hat.
Aber was genau ist Heimat? Laut Cerna ist es kaum möglich das Wort in seiner Eigenart in andere Sprachen zu übersetzen. Das Gefühl welches wir damit verbinden, ist kaum übertragbar. Und wenn selbst das nicht möglich ist, geschweige denn die feste Zuordnung der Heimat, dann frage ich mich, als wen oder was der Mensch sich identifizieren kann?

Meine Heimatgeschichte beginnt in der Türkei

In Deutschland geboren habe ich bereits in diesem Land schon drei Ortschaften gewechselt. Welche ist nun aber meine Heimat? Wenn ich mir genau anhöre was die Gastsprecherin Dr. Simone Eick (Leiterin Auswandererhaus Brhv.) dazu äußert, dann erlaube ich mir noch die Auswanderungsgeschichte meiner Vorfahren hinzuzunehmen. Also bin ich Türkin, Deutsche, Bulgarin, Tscherkessin und Kaukasin. Interessant? Ich finde schon. Auch wenn ich die Hintergründe der letzteren beiden kaum kenne, fühle ich mich in jeder Kultur in die ich hineingeboren wurde – willkommen!
Oft ist die Verwurzelung ein Gefühl des gebunden Seins. Man findet einen Teil von sich in seinen Landsleuten wieder, fühlt sich wohl und angenommen. Ken Yeboah Agyemang erklärt: „Jedes Mal, wenn ich Afroamerikanern auf der Straße begegne, nicke ich Ihnen zu. Ich weiß nicht warum. Es passiert einfach. Es ist ein Gefühl der Gemeinsamkeit.“

Hierbei spielt das Aussehen eine hervorstechende Rolle. Ich sehe zwar nicht aus wie eine „typische“ Türkin, aber auch nicht wie eine „typische“ Deutsche. Ich bin anders. Und in meinem Anderssein ist es eine der ersten Fragen die mir gestellt werden, woher ich wirklich – aber wirklich – komme. Dabei ist mein Name doch schon bereits ein Identitätsnachweis. Dennoch fühle ich mich so als würde ich eine Doppelidentität führen. Ich entwickle mich in zwei Kulturen, spreche zwei Muttersprachen, esse gerne Döner aber noch viel lieber Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Lederkoffer

(c) privat ; Köhler

Wenn zwei Kulturen aufeinanderstoßen, dann ist das Heimat. Wenn viele Kulturen aufeinanderstoßen, dann ist es Globale Vernetzung.

Ein Gegenstand kann ein Stück Heimat sein, eine Familie, sogar eine Geschichte mehrerer Generationen verkörpern. Es kann einen Segen aussprechen oder Halt liefern, wenn jemand aus der Verwandtschaft seine eigene Heimatsgeschichte wagt. Frau Dr. Eick erzählt berührende Geschichten aus dem Auswandererhaus in Bremerhaven. Von einer Tischdecke, die jeden Sonntag ausgelegt wurde oder von einer Pferdebürste, die in ihrer Anwendung eine andere Geschichte erlebte. Auch Ken ist in dieser Hinsicht stolz auf sein traditionelles Gewand, das er als kleines Kind zuletzt am Flughafen in Deutschland trug.

Wenn wir tiefer greifen, und das wagte Libuse Cerna in Ihrer offenen Gesprächsrunde, so landen wir letzten Endes bei einer Wahrheit, die wahrscheinlich nur wir Migranten und Migrantenkinder begreifen können. Schon seit Jahrzehnten und noch immer haben wir im Grunde keine Heimat mehr. In unseren Ankunftsländern sind wir Menschen mit Migrationshintergründen und in unseren Herkunftsländern hingegen wahre Ausländer. Es ist wie ein Segen und ein Fluch, in seinem Ursprungsland so angesehen zu werden. Der einzige Grund dafür ist die Ferne zu der eigenen, nicht ausgelebten Kultur.

Damla Ekin

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