Mit den Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften 2026 beginnt heute in Prag der Höhepunkt der internationalen Eiskunstlauf-Saison. Vom 24. bis 27. März kämpft die Weltelite um die Titel in den Disziplinen Einzel, Paarlauf und Eistanz.
Die diesjährigen Olympischen Winterspiele haben erstmals die Hoffnung greifbar gemacht, dass sich im Eiskunstlauf der Frauen etwas grundlegend verändern könnte. Noch steht kein klarer Umbruch, sondern vielmehr ein vorsichtiger Perspektivwechsel im Raum: weg von reinem Leistungsdruck, hin zu mehr Persönlichkeit, Selbstbestimmung und einem bewussteren Umgang mit den eigenen Grenzen. Einige Athletinnen haben deutlich gezeigt, wie ein erfolgreicher anderer Weg aussehen kann. Ob er sich durchsetzt, bleibt jedoch offen.

Wichtig dabei: Dieser Ansatz muss keinen sportlichen Rückschritt bedeuten! Auch ohne maximalen Druck und einer Ballung extremer technischer Elemente wie Vierfachsprüngen, entwickeln sich Programme auf hohem Niveau mit höherer technischer Präzision. Qualität, Ausdruck und Stabilität rücken stärker in den Mittelpunkt. Das Leistungsniveau bleibt, es verschiebt sich nur.
Ein starker Kontrast zu 2022
Nachdem vom Podium 2022 vor allem die Tränen der enormen emotionalen Anspannung und Frustration in Erinnerung geblieben sind, gerieten die beeindruckenden Leistungen und Erfolge der Athlet*innen beinahe in Vergessenheit. Das damalige Podium mit Anna Schtscherbakowa (Gold), Alexandra Trussowa (Silber) und Kaori Sakamoto (Bronze) kann dabei als Sinnbild für ein System gesehen werden, das von außergewöhnlich hohem Leistungsdruck geprägt ist.
Wenn selbst auf dem Höhepunkt sportlicher Erfolge die emotionale Belastung so sichtbar wird, wirft dies unweigerlich die Frage auf, wie es um die mentale Gesundheit im Profi-Eiskunstlauf bestellt ist, und darüber hinaus im gesamten Hochleistungssport.
Alysa Liu: Gold als Statement
Genau darüber spricht die diesjährige Olympische Goldmedaillengewinnerin Alysa Liu (20) offen. Sie thematisiert die psychischen Herausforderungen im Leistungssport und hat es sich zum Ziel gesetzt, zu mehr Bewusstsein und Veränderung in diesem Bereich beizutragen.
Die US-amerikanische Eiskunstläuferin Alysa Liu gilt als eines der prägendsten Talente ihrer Generation. Bereits in jungen Jahren feierte sie große Erfolge, bis sie sich mit 16 Jahren scheinbar abrupt aus dem Leistungssport zurückzog.
Ihr Rücktritt, den sie in einem lässigen (inzwischen gelöschten) Instagram Post mit den einleitenden Worten „heyyyyy so […]“ preisgab, schockierte damals viele. Doch im Nachhinein wirkt er wie eine konsequente Fortsetzung ihrer Haltung: Selbstbestimmung statt Fremdsteuerung. Dass sie später auf höchstem Niveau zurückkehrte, macht ihre Geschichte umso außergewöhnlicher. Ihr Weg steht exemplarisch für einen neuen Umgang mit Druck, Erwartungen und mentaler Gesundheit im Spitzensport.
Vor ihrem Neuanfang hatten Alysa Lius Trainer*innen das Sagen darüber, wann und wie oft sie trainiert, was sie anzieht, zu welcher Musik sie läuft und wie viel und was sie isst. In einem Interview mit 60 Minutes, verrät sie, was ihre in Forderungen für eine Rückkehr waren, welche sie in einem FaceTime Call ihren Trainern mitteilte:
„I get to pick my own program music. I get to help with the creative process of the program. If I feel like I’m skating too much, I’ll back down. If I’m not skating enough, I’ll ramp it up. No one‘s going to starve me or tell me what I can and can‘t eat.“
– Alysa Liu: The 60 Minutes Interview (08:24)
Und dieses Ultimatum scheint sich ausgezahlt zu haben. Mit ihrem neuen Ansatz konnte Alysa Liu zu deutlich mehr als nur ihrer alten Stärke zurückfinden. Ihr Erfolg wirkt dabei wie eine Bestätigung dafür, dass sportliche Höchstleistungen und persönliche Autonomie kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil: Gerade die neu gewonnene Kontrolle über Training, Körper und künstlerischen Ausdruck könnte ein entscheidender Faktor für ihre Leistung gewesen sein und zugleich ein mögliches Umdenken im Umgang mit Athlet*innen im Spitzensport anstoßen.
Real, relatable und erfolgreich: Alysa Liu trifft den Nerv der Zeit
Doch nicht nur ihr deutlich formuliertes Bekenntnis zu den eigenen Grenzen erklärt ihren aktuellen Erfolg. Es ist vielmehr eine Mischung aus sportlicher Qualität und Ausstrahlung. Auf dem Eis wirkt ihr Lauf trotz höchster technischer Anforderungen ungewöhnlich leicht und selbstverständlich.
Hinzu kommt ein Gespür für Inszenierung, das den Zeitgeist trifft. Bei der Olympischen Eiskunstlauf-Gala etwa begeisterte Alysa Liu mit ihrer Kür zu dem Pop-Song Remix „Stateside“ von Pink Pantheress und Zara Larsson. Musik, Choreografie und ihre energiegeladene Performance verschmolzen hier zu einem Moment voller Leichtigkeit und Spaß, der sowohl das Publikum in der Halle als auch die Fans zuhause mitriss.
Auch optisch hat Alysa Liu einen hohen Wiedererkennungswert. Ihre auffälligen Haare und der Alt-Modestil sind schnell zu ihrem Signature-Look geworden. Zusammen mit ihrer natürlichen, offenen Art entsteht das Gesamtpaket, das Alysa Liu zum Zuschauerliebling macht.
Alysa Lius Rückzug aus der WM
Trotz des großen Erfolges wird Alysa Liu bei der anstehenden Weltmeisterschaft nicht antreten – und das aus freien Stücken. Nach ihrem Olympiasieg ist sie nicht nur im sportlichen Sektor erfolgreich, sondern hat auch auf Social Media internationale Aufmerksamkeit erlangt. Auf Instagram hat sie zum Beispiel innerhalb der kurzen Zeit unglaubliche 8 Millionen Follower*innen (Stand: 23.03.2026) generiert. Damit stehen Alysa Liu neue Türen offen, die weit über den Sport hinausgehen.
Und genau hier bleibt sie sich treu. Eiskunstlauf ist für sie nicht alles. Statt sich sofort wieder in den Wettkampf zu stürzen, nutzt sie ihre Zeit für andere Projekte und Erfahrungen. In einer Szene, die oft von frühzeitiger Spezialisierung und totaler Hingabe geprägt ist, wirkt das fast revolutionär.
Amber Glenn und die nächste Generation
Während Alysa Liu pausiert, rücken andere Athletinnen in den Fokus, allen voran Amber Glenn (26). Auch sie gehörte zum diesjährigen US-Olympiateam und zeigte bei den Meisterschaften starke Nerven. Nachdem sie im Kurzprogramm bei ihrem geplanten Rittberger-Element statt dreifach nur doppelt sprang, fiel sie zwischenzeitlich vom vermeintlichen Favoritinnen-Rang als Anwärterin auf Gold auf den 13. Platz zurück. Im Freeskate gelang es ihr dann jedoch sich durch beeindruckende Leistungen wieder bis auf Platz fünf nach vorne zu kämpfen.
Amber Glenn steht außerdem nicht nur für sportliches Talent. Als eine der ersten offen queeren Athlet*innen im US-Eiskunstlauf setzt sie ein klares Zeichen für Sichtbarkeit und Diversität im Sport und zeigt, wie wichtig Repräsentation auf und neben dem Eis ist.
“I tried to use the small platform that I had to encourage people to be more accepting and more loving.“
Mental Health im Fokus
Darüber hinaus spricht auch Amber Glenn offen über ihre eigenen Herausforderungen bezüglich ihrer mentalen Gesundheit. Schon als Teenagerin hatte sie mit starken Depressionen, Angstzuständen und Essstörungen zu kämpfen und engagiert sich nun als Mental-Health-Advocate.
Und auch bei den Männern wurde in diesem Jahr deutlich, wie eng Leistung und mentale Verfassung zusammenhängen. Ilia Malinin (21), der vorab als sicherer Gold-Favorit galt, konnte unter dem Druck im Wettkampf nicht seine volle Leistung abrufen und landete überraschend nur auf dem achten Platz. In seiner Gala-Kür wählte Ilia Malinin den Song „FEAR“ von NF und verwandelte seinen Auftritt in ein eindrucksvolles Kunststück über die Auswirkung der hohen Erwartungen, ausgehend sowohl vom engeren Umfeld als auch von Social Media, auf die mentale Verfassung.
Die Diskussion um mentale Gesundheit hat damit offiziell auch den Eiskunstlauf erreicht und verändert ihn. Athlet*innen sprechen offener über Druck und persönliche Grenzen.
Ausblick auf die WM: Eine neue Atmosphäre?
All das wirft die Frage auf, in welcher Atmosphäre die kommende Weltmeisterschaft stattfinden wird: Ohne Alysa Liu, aber geprägt von ihrem Einfluss. Mit Athlet*innen wie Amber Glenn, die neue Wege gehen, und mit einer Szene, die beginnt, sich selbst zu hinterfragen.
Die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften 2026 in Prag versprechen ab heute auf jeden Fall einen packenden Auftakt: Besonders die Favoritinnen Kaori Sakamoto, Ami Nakai und Amber Glenn könnten für überraschende Wendungen sorgen. Und egal, wie die Wettkämpfe ausgehen, die Daumen sind zumindest von meiner Seite aus für alle Athlet*innen fest gedrückt.
Joline Corbes



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