Feminismus als Mode-Statement?

Als Karl Lagerfeld bei der Präsentation seiner Chanel-Kollektion im September 2014, die Models nicht nur mit kurzen Kleidern und knappen Röcken über den Laufsteg schickte, sondern sie zudem mit „Ladies First“-Protestbannern ausstattete, ließ sich der nächste große Hype für die kommenden Saisons bereits erahnen. Und richtig: Feminismus wurde Trend der Mode. Nur kurze Zeit später folgten auch seine Designerkolleg*innen bei Gucci & Co. mit feministischen Sloganshirts. Inzwischen sind die Aufdrucke wie „We should all be feminists“ und „The future is female“ bei den bekannten Fast Fashion Riesen wie H&M und Zara angekommen. Auf der Straße kommt man den „empowernden“ Botschaften praktisch nicht mehr vorbei, die in fetten Großbuchstaben alle Macht den Frauen* zusprechen. Doch wie viel Feminismus steckt wirklich hinter diesen Parolen?

Protestästhetik für die Elite, Hungerlöhne für die dritte Welt

Zuerst stellt sich beispielsweise die Frage inwiefern sich Feminismus mit Designer*innen vereinbaren lässt, die ihre Mode von Frauen präsentieren lassen, deren Körper fast ausschließlich einem unrealistischen, weiblichen Schönheitsideal entsprechen. Gerade Karl Lagerfeld machte in der Vergangenheit des Öfteren durch seine abfälligen Bemerkungen gegenüber Frauen auf sich aufmerksam, die sich jenseits von Magermodelmaßen befinden. Zudem ist seine Mode, ihrer horrenden Preise wegen, ohnehin nur einem verschwindend geringen Anteil aller Frauen* weltweit zugänglich.

Trotzdem sind auch die günstigen Alternativen der Massenhersteller nicht besser. Zwar ist durch sie der modische Feminismus erst im Mainstream angekommen und für die breite Öffentlichkeit verfügbar. Doch wenn ein T-Shirt kaum mehr als 10€ kostet, unterstützt man durch den Kauf eher die Ausbeutung seiner Näherin als die Emanzipation der Frau. Und eine positive Botschaft für die Frauenbewegung rechtfertigt keine menschenunwürdigen Produktionsbedingungen und Hungerlöhne. Denn es ist wohl so, dass die meist jungen Frauen, die sich irgendwo in Südostasien für uns die Finger blutig arbeiten, nicht viel vom Feminismus der westlichen Welt mitbekommen. Dabei will der doch eigentlich Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Frauen*, oder? Es drängt sich also der Verdacht auf, dass Modefirmen sich einen sinnlosen Aktivismus zunutze machen, um ihre Kleidung zu verkaufen. Dabei steigern sie gleichzeitig ihre Umsätze, erschließen eine junge, moderne Zielgruppe und neue Kunden. Die weibliche Widerstandsbewegung verkommt zur berechnenden Marketingstrategie.

Im Vordergrund sieht man ein graues T-Shirt auf dem "This is what a feminist looks like" steht. Dahinter sieht man eine Hand, die 10 Euro hält. Auf der rechten Seite ist eine Hand, die die zehn Euro entgegen nimmt. Doch der Schein zerbröselt. Die recht Hand ist blutverschmiert. Mode.

(c) Julia Maria Eifler

Pseudoaktivismus oder wirkliches Statement?

Dennoch ist es wichtig und richtig, den Diskurs über Gleichberechtigung in die Gesellschaft zu bringen. Und wir sind uns wohl alle einig, dass gerade in Zeiten wie diesen nicht genug über Chancengleichheit, Bekämpfung von Sexismus und die Gleichstellung der Geschlechter gesprochen werden kann. Dass immer mehr Frauen sich offen zum Feminismus bekennen, scheint ein Schritt in die richtige Richtung. Denn oftmals ändert sich eben erst dann etwas, wenn eine große Masse hinter einer Bewegung steht und Veränderungen fordert. In diesem Zusammenhang ist gerade der Einfluss der Modeindustrie nicht zu unterschätzen. Wie kaum eine andere hat sie die Möglichkeit die Botschaft des Feminismus auf der ganzen Welt zu verbreiten. Und kann so die Aufmerksamkeit auf ein relevantes Thema zu lenken.

Aber dabei sollte es nicht bleiben. Denn momentan ist es einfach noch so, dass der feministische Aktivismus in der Mode sehr oberflächlich und kommerziell daherkommt. Nicht selten hat die Trägerin eines „Girl Power“-T-Shirts womöglich keine Ahnung von dem Statement, das sie damit in die Welt trägt. Ein bloßes Kleidungsstück ist allenfalls mit passiven Aktivismus gleichzusetzen. Und der allein reicht nicht aus, um wirklich etwas zu bewegen. Auch die Mode selbst kann sich nicht als feministisch bezeichnen, nur weil sie feministische Themen aufgreift und diese als Projektionsfläche für trendige Teile nutzt.

Feminismus – ein Trend mit Zukunft?

Die Kontroverse bleibt also. Denn auch wenn es gut ist, dass Feminismus „in“ geworden ist, darf er nicht seine eigentliche Mission verraten und von seinen grundsätzlichen Gedanken und Prinzipien abschweifen. Feministische Statements  dürfen nicht ihre Bedeutung verlieren. Gleichheit und Gerechtigkeit muss allen Frauen* gelten- nicht nur denen, die sich den Luxus von hipper Kleidung leisten können. Letztendlich kann aber nur jede für sich selbst beurteilen, wie ernst sie es mit dem „Feminism“ auf ihrer Brust nimmt und ob sie mit ihrem Oberteil ein wirkliches Statement setzen will oder eigentlich nur einem Trend folgt, mit dem sie inhaltlich nicht viel zu tun haben will. Wir können jedenfalls nur hoffen, dass Feminismus selbst kein Style ist, der so schnell aus der Mode kommt, wie Schulterpolster und Schlaghosen. Denn Feminismus ist mehr als nur ein Trend. Er ist eine Haltung.

Victoria Kräwinkel

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