27 Jahren lang war Gudrun Goldmann die Chefredakteurin der Zeitungswerkstatt des Kulturzentrums Schlachthof Bremen, die alle zwei Monate das Z-Magazin über Bremer Stadtkultur herausgibt. Nach ihrer letzten Ausgabe, die jetzt im Januar erschienen ist, ist Gudrun in den Ruhestand gegangen. Ich habe sie getroffen und wir haben über ihre Zeit beim Schlachthof gesprochen: über die Zeitungswerkstatt, die Arbeit mit Ehrenamtlichen, das Schreiben und ihre Zukunft.
Gudrun holt mich am Eingang des Schlachthofs ab und gemeinsam laufen wir durch das alte Backsteingebäude, fast bis ganz nach oben: aus den Fenstern des Büros hat man eine beeindruckende Aussicht auf Bremen. Dann zeigt sie mir ein großes Regal mit zahlreichen Ordnern: das Archiv der Zeitungswerkstatt, in dem die Ausgaben des Z-Magazins gesammelt werden. Oben sind die Zeitungen schon so alt, dass sie vergilbt sind. Bei einem Ordner aus dem Jahr 1999 klebt ein Post-it. Dort habe sie angefangen, erzählt mir Gudrun. Fast das ganze Regal hat sie in der Zeit gefüllt, insgesamt 210 Ausgaben des Z-Magazins.

Kannst du erzählen, wie du zum Schlachthof gekommen bist? Was hast du vorher gemacht?
Ich habe Ethnologie studiert, ich bin eigentlich Ethnologin. Dann habe ich Journalismus und Kommunikationswissenschaften und Ur- und Frühgeschichte studiert. Im Studium habe ich viel mit dem Medium Dokumentarfilm gearbeitet. Das war auch das Thema meiner Masterarbeit und ich war auf sehr vielen Kongressen und Tagungen. So kam ich zum Film und habe bei Sendeanstalten Hospitationen gemacht. Dann habe ich bei „Länder-Menschen-Abenteuer“, beim Südwestfunk hieß der damals, in der Redaktion mitgearbeitet. Beim Dokumentarfilm muss man ja auch viel schreiben, das Skript zum Beispiel. Und da habe ich gemerkt, dass mir das total leichtfällt. Deswegen habe ich dann eine journalistische Fortbildung gemacht und kam so zum Journalismus. 1999 war ich gerade bei der taz in Bremen als freie Journalistin, als mir eine Kollegin erzählt hat, dass sie hier am Schlachthof jemanden suchen.

Wie hast du das Z-Magazin zu dieser Zeit vorgefunden? Wie lange gab es das schon und wie hat es sich dann über die Zeit hin verändert?
Also die Zeitung für den Schlachthof gibt es so lange, wie es den Schlachthof als Kulturzentrum gibt, das heißt seit 1980/81. Das war damals ein Zeitungsformat, es hat sich über die Jahre aber immer geändert. Jetzt sind wir ein Magazinformat, auch schon bevor ich hier war. Also es ist sehr wandlungsfähig und hängt natürlich immer von den Leuten ab, die mitmachen. Es hat sich sehr gewandelt, als wir an der Uni und an der Hochschule die Zeitungen nicht mehr auslegen konnten. Dadurch wurde es schwieriger, Autor*innen zu finden. Und was sich durchgezogen hat, war das Grafikbüro. Das war so eine Konstante.
Also ganz am Anfang, wenn ich in ganz alte Ausgaben reingucke, dann war das eher eine Zeitung für die Mitgliedsgruppen, das waren ganz viele politische Gruppen. Die haben oft etwas darüber geschrieben, was sie machen, wann sie sich treffen. Wir haben die Zeitung ja oft auch mit Partnern gemacht, zum Beispiel ganz lange mit dem Lagerhaus zusammen. Aber das ist mit der Zeit dann weniger geworden und es gab die Frage, ob man sich das leisten kann, so eine Werkstatt zu haben. Ja, und seit ein paar Jahren machen wir das jetzt nur noch als Schlachthof, als alleiniger Herausgeber. Seitdem hat sich in der Form nicht mehr so viel verändert.
Was hat dir besonders an deinem Beruf gefallen, warum bist du so lange beim Print-Format geblieben?
Also Fernsehen hätte ich mir auch vorstellen können. Das andere war eben Print und Sprache und Menschen treffen. Ich finde es eine sehr besondere Situation oft in Interviews, dass man so einen guten und auch sehr intensiven Austausch hat, obwohl man sich vorher noch nie gesehen hat. Und das passiert eben seltener mit Profis, also mit Politikern oder ähnlichen. Die lassen sich darauf nicht ein. Aber andere Menschen erzählen einem oft wirklich viel und das finde ich manchmal sehr berührend, dass sie sich so öffnen. Und das passiert eben auch aus dem Grund, weil man ohne große Technik da ist. Wenn man ein Kamerateam dabei hätte, wäre das schon wieder erledigt. Ich habe es leider sogar schon gehabt, dass jemand dann hinterher fast alles zurückgenommen hat, weil er gemerkt hat, dass er jetzt irgendwie doch ein bisschen sehr aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Die machen alle so spannende Sachen, und ich kann überall hingehen und Fragen stellen. Das finde ich einfach super an diesem Beruf. Und keiner erwartet, dass es ein Fachgespräch ist, ich komme jetzt ja nicht vom Segelverein und spreche mit dem deutschen Meister im Segeln, dann wäre das was anderes.
Gab es für dich eine Lieblingsausgabe oder ein Lieblingsthema?
Kann ich nicht sagen, das ist so unterschiedlich. Ich habe ja wirklich über die 27 Jahre kaum zwei Ausgaben mit den gleichen Leuten gemacht. Es gibt Menschen, die uns schon sehr lange begleiten, die wir zum Beispiel bitten, etwas zu schreiben, wenn es ein Thema mit viel Bremen-Bezug ist. Das ist für Studierende, die neu hier sind, oft schwierig. Und die Themen waren auch immer unterschiedlich. Es ist oft so, wenn ich ein Thema anfange, dass ich denke, das ist jetzt mal richtig dolle. Aber kaum ist es fertig geschrieben, kommt das nächste.
Zum Beispiel jetzt meine letzte Ausgabe. Da bin ich nach Wolfsburg gefahren, in die Kunsthalle. Dort gab es eine Ausstellung mit dem Namen „Utopia, Recht auf Hoffnung“. Und ich habe gedacht, diesen Titel finde ich so super. Mit was für einem besseren Titel könnte ich eigentlich aufhören? Das ist dann die Januar/Februar Ausgabe. Also das passiert manchmal so, da läuft einem irgendwo was über den Weg und man denkt: das ist ein tolles Thema, wie passt das hier zu Bremen?
Wir haben auch immer mal Ausgaben zu Stadtentwicklung, weil das ein Thema ist, was wir wichtig finden. Zum Beispiel gibt es jetzt dieses Büro für die Stadtentwicklung und irgendwann habe ich mir angeguckt, wer in diesem Büro ist. Dann habe ich gedacht: irgendwie kommt mir die eine so bekannt vor. Sie war dann tatsächlich vor 15 Jahren mal Autorin beim Z-Magazin. Sie hat in Bremen studiert, ist weggegangen, hat verschiedenste Sachen gemacht und kam jetzt zurück. So begegnen einem auch ein paar Leute wieder in anderen Zusammenhängen. Das war natürlich nett, weil sie dann sehr bereit war, auch ein Interview zu geben und uns von ihrer Arbeit zu erzählen.
Was hast du von der Arbeit mit ehrenamtlichen Menschen gelernt?
Also eigentlich habe ich das so erlebt, dass die, die hierher in die Zeitungswerkstatt gekommen sind, oft gesagt haben: „Ich habe da Lust zu, ich weiß nur gar nicht so genau, ob ich das kann…“. Daraufhin habe ich immer gesagt: „Dass du jetzt hier bist und Lust hast, das ist eigentlich immer schon genug.“ Also ich finde die Leute haben alle ein ganz gutes Gespür dafür, was ihnen so liegt. Sie brauchen oft einfach nur diesen kleinen Schubs, probier doch mal dies, probier doch mal das. Und dann sind sie ganz engagiert dabei. Ich fand es immer gut, dass sie einfach losmarschiert sind, ihre Interviews gemacht haben. Eine, das war wirklich eine der Jüngsten, die war noch in der Schule, hat dann, weil wir eine Ausgabe zum Nachwuchs in den politischen Parteien gemacht haben, ein Interview mit der CDU-Politikerin Wiebke Winter gemacht. Da war sie sehr aufgeregt und sie hat sich hervorragend geschlagen. Besonders, weil es oft viel schwieriger ist, Profis zu interviewen. Es ist auch schön zu sehen, was die Menschen, die hier waren, mitnehmen. Eine hat danach zum Beispiel Medizin studiert, aber die Schreiberfahrung hat ihr bei ihren Hausarbeiten geholfen. Die Leute finden einfach ein bisschen den Zugang zur Sprache, zum Schreiben. Es müssen ja nicht alle Journalist*innen werden, das wäre furchtbar, würde keiner von leben können.
Ist der Job als Journalist*in denn deiner Meinung nach heutzutage trotzdem noch zu empfehlen?
Ich finde ja, gerade jetzt braucht es Journalist*innen, die ihren Job auch ernst nehmen. Von diesen komischen Influencer*innen haben wir echt genug. Deswegen ja, aber ich würde mich nicht auf Print verlassen. Ich würde Leuten eher dazu raten, sich auf zum Beispiel Hörfunk zu fokussieren, das wird immer so ein bisschen unterschätzt. Selber wollte ich da nie hin, aber ich nehme wahr, wie viele Leute das Radio einfach nebenbei hören und dann auch mal hängen bleiben bei Berichten, die sie sich sonst nicht aussuchen würden. Ich glaube, dass man da noch ganz gut Themen unter die Leute bringen oder sie für Sachen begeistern kann. Und egal welches Medium: schreiben muss man können. Auch wenn man im Nachhinein Filme oder Hörfunk macht. Von daher ist es ein erstes Austesten, wenn man in der Zeitungswerkstatt mitgemacht hat. Dann hat man es mal ausprobiert. Man kann hinterher auch etwas vorzeigen, das ist immer ganz gut. Für die richtigen Fachzeitschriften werden immer noch Leute gesucht.
Und wo geht es jetzt für dich persönlich hin? Was hast du geplant?
Ja, das weiß ich auch nicht. Also ich habe einen Wohnwagen, mit dem werde ich einfach mal nach Italien fahren, mit meinem Mann zusammen. Und dann muss man nicht zu einer bestimmten Zeit zurück sein, das finde ich irgendwie ziemlich cool. Außerdem möchte ich unbedingt nach Pompeji. Da war ich schon mal, aber das ist schon, keine Ahnung, 15 Jahre her. Ich habe ja Ur- und Frühgeschichte im Nebenfach gehabt und habe zu Studienzeiten viel auf Ausgrabungen gearbeitet. Das ist so in dieser ganzen Zeit jetzt komplett weg gewesen, da hatte ich jetzt gar nichts mehr mit zu tun. Vielleicht kann ich jetzt auch mal wieder auf einer Ausgrabung arbeiten, vielleicht geht das als Rentnerin. Der Rest muss sich irgendwie zeigen.
Lisann Prüss



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