Weibliche Ultras? Über Frauen und Sexismus in der Ultraszene

Drei Männer halten bengalos in die Höhe. Überall ist weißer Qualm.

By Biso (Own work) [CC BY 4.0], via Wikimedia Commons

Die Ultraszene ist mittlerweile eine der größten Jugendkulturen in Deutschland. Immer mehr junge Menschen reizt das Stadion und das radikale Fan-Dasein. Doch Sexismus und Homophobie sind im Stadion immer noch fest beheimatet. Und auch linke Ultragruppen, die sich aktiv gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus aussprechen, sind vor Mackergehabe und Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen nicht gefeit.

Die Verknüpfung von Fußball und Männlichkeit

Fußball und Männlichkeit waren nicht immer so stark miteinander verbunden, wie es heute scheint. Die englische Football Association untersagte bereits 1902 Spiele gegen Frauenmannschaften. Das weist deutlich darauf hin, dass es bereits um 1900 in England aktive Frauenmannschaften gab, gegen die Männermannschaften tatsächlich angetreten sind. Auch das Verbot, das die Football Association im Jahre 1922 aussprach, weist darauf hin, dass Frauen sehr aktiv auf dem Rasen waren. Das Verbot untersagte Frauen die Vereinsplätze zu nutzen mit der Begründung, dass Fußball für Frauen unangemessen sei. Seit jeher beherrscht die Konstruktion von Fußball als männliche Sportart nicht nur den Rasen, sondern auch die Publikumstribünen. Fußball wird auch in Deutschland mit Eigenschaften wie männlicher Stärke und Härte verbunden. Dieses Konstrukt lässt sich schnell enttarnen, wenn man einen Blick in die USA wirft, wo Fußball im Gegensatz zu Football viel mehr als weniger harte, weibliche Mittelschichten-Sportart verstanden wird.

Ultragruppen – zwischen Fangesängen und Straßenkampf

In Deutschland gründeten sich seit den 1980er Jahren, nach italienischem Vorbild, immer mehr Ultragruppen. Das lateinische Wort Ultra bedeutet „darüber hinaus“. Mit Ultragruppierungen werden Gruppen bezeichnet, die sich zusammenschließen, um ihren Verein über das normale Fan-Dasein und über das Spiel hinaus zu unterstützen. Durch teils aufwändige Choreographien zu Spielbeginn, gemeinsame Banner, Fahnen und Gesänge während des Spieles sowie Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs unterstützen die einzelnen Ultragruppen ihre Vereine.

Aber die unterstützenden Ultragruppen stehen auch oft in der Kritik für unerlaubtes Zünden von Pyrotechnik oder für gewalttätiges Verhalten. Zwar grenzen sich die meisten Ultragruppen von den gewalttätigen Hooligans ab, dennoch schließen sie zumeist Gewalt als notwendiges Mittel nicht aus. In einer kürzlich veröffentlichten Studie arbeitet die Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFas) heraus, dass durch die Gewalt der Ultragruppen ein dominantes Männlichkeitsbild produziert werde. Dieses soll vor allem ein Gefühl von Stärke, Zusammenhalt und Gemeinschaft innerhalb der Ultraszene erzeugen.

Frauengruppen gegen Sexismus und Diskriminierung

Frauen finden daher noch immer in vielen Ultragruppen keinen Platz. Oft werden sie in der Ultraszene als zu schwach und unterlegen angesehen und könnten damit dem inszenierten, harten, männlichen Image der Ultragruppen schaden. Sexismus und Homophobie sind im Stadion daher leider immer noch Alltag.

Dennoch sprechen sich immer wieder gerade linke Ultragruppen gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie aus. Vermehrt gründen sich reine Frauen*ultragruppen und Frauen tauchen auch als Vorsänger*innen auf dem Zaun auf. In Jena, bei Babelsberg und beim FC St. Pauli sind Frauen*gruppen aktiv und wehren sich gegen jedwede Diskriminierung. Sie machen klar, dass im Stadion nicht nur Platz für Männlichkeit und Mackertum ist. Immerhin sind mittlerweile zwischen 20-30 Prozent der Stadionbesucher*innen weiblich, Tendenz steigend. 2004 hat sich außerdem das Netzwerk F_in Fußball gegründet. Die Agenda des Netzwerks Frauen im Fußball ist ziemlich eindeutig:

F_in will

> Frauen in verschiedenen Bereichen wie Fanprojekten, Fanorganisationen, Journalismus, Wissenschaft, Mädchenarbeit vernetzen

> Frauen im Fußballkontext sichtbarer machen

> Sexismus und Diskriminierung im Fußball aufzeigen und bekämpfen „

Weibliche Fans, Fanprojektmitarbeiterinnen, Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen organisieren bei F_in Workshops, Vorträge und Treffen und drucken Aufkleber, T-Shirts und Transparente. Damit wollen sie auf Sexismus und Diskriminierung aufmerksam und Frauen im Fußballstadion sichtbarer machen.

Frauen* in der Bremer Ultraszene

Und es gibt noch viel zu tun, wie Spruchbänder und Gesänge immer wieder zeigen. Auf einem Spruchbanner der Ultras Leverkusen bei einem Spiel gegen Werder Bremen hieß es so beispielsweise 2013:

„Emanzen auf den Zaun geschickt, Männer in den Arsch gefickt. Mentalita Ultra Brema.“

Die sexistische und homophobe Anfeindung bezog sich auf die Tatsache, dass eine Frau in der Bremer Ultraszene eine Führungsposition innehatte und sich Bremer Ultragruppen aktiv gegen Sexismus und Homophobie aussprechen. So haben also auch Frauen der Bremer Ultragruppen immer noch mit Sexismus und Anfeindungen zu kämpfen. Vermutlich ist es noch ein langer Weg, bis das Fußballfan-Dasein nicht mehr ausschließlich mit heteronormativer und dominanter Männlichkeit verknüpft wird.

Dennoch lassen sich die Frauen in der Ultraszene nicht unterkriegen. In Deutschland sind um die 10 Prozent der Ultras Frauen. Die Tendenz ist auch hier steigend. Wie das Ultradasein als Frau genau aussehen kann, erzählt euch Werder Bremen Fan Jule bei Auf Klo.

Britta Grossert

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