In der Statik liegt der Tanz

Gespräch über die Kunst und Philosophie des Tanzes mit Prof. Dr. Bengt Beutler und Gregor Runge 

zwei Männer neben einer Bronzefigur

Gregor Runge und Prof. Dr. Bengt Beutler mit „Silvanus“ (c) Julika Wagner

Am Donnerstag, den 14. Januar fand im Atelierhaus Roter Hahn anlässlich der aktuellen Ausstellung von Gertrud Schleising „Forever young. Gertrud Schleising bittet Gerhard Marcks zum Tanz“ ein öffentliches Gespräch statt, das sich zwischen Kunst und Philosophie bewegte. Zu Gast waren Prof. Dr. Bengt Beutler von der Philosophischen Gesellschaft in Bremen und Gregor Runge, Dramaturg am Theater Bremen. Gesprächsthema dieses Abends war der Tanz als menschliche Ausdrucksform und dessen Verhältnis zur bildenden Kunst.

Künstlerin steht vor ihrer Collage

Künstlerin Gertrud Schleising (c) Julika Wagner

Den Anreiz für diese Diskussion gab Schleisings räumliche Installation, deren zentrale Komponente eine Bronzeplastik des Berliner Bildhauers Gerhard Marcks ist. Die männliche Aktfigur ist nach dem satyrähnlichen Waldgott Silvanus benannt, doch die herkömmlichen Attribute wie Bockfüße und Zypressenzweig fehlen gänzlich. Der hagere Marcksche Silvanus mit Bart und schütterem Haar steht aufrecht und kreuzt die Beine wie ein Balletttänzer. Die Bremer Künstlerin macht sich die Uneindeutigkeiten dieser Figur zu eigen, indem sie um Silvanus einen assoziativen Reigen inszeniert und somit Tanz und Statik miteinander vereint. Sie verbindet zwei- mit dreidimensionalen Elementen  zu einer raumgreifenden Collage und entwickelt skurril anmutende Szenarien. Als Besucher ist man ein Teil dieser Inszenierung, in ähnlichem Maße wie Akteure auf der Bühne Teil eines Schauspiels sind.

Tanz als essentielles Ausdrucksmittel

Inmitten des Ensembles von Schleisings detailreichen und vielschichtigen Kunstwerken wurde die offene Gesprächsrunde von Dr. Yvette Deseyve eröffnet.

Rednerin steht vor Publikum in der Galerie

Yvette Deseyve eröffnet die Gesprächsrunde (c) Julika Wagner

Es folgte ein Dialog zwischen Beutler und Runge, in dem der Tanz als Ausdrucksform näher analysiert wurde. Dabei kamen Fragen auf wie: Wer gibt den Tanz vor? Steckt im Tanz eine andere Ausdrucksmöglichkeit als in der Sprache? Was ist heute das Besondere am Tanz?

Der Tanz, so Runge, sei ein essentielles Ausdrucksmittel voller Kraft und Bedeutung. Moderner Tanz stehe durch seine Abstraktheit im starken Kontrast zu dem klaren und narrativen Charakter des Balletts und des Schauspiels. Wie so manche Kunstwerke sind Bewegungen im zeitgenössischen Tanz für den Betrachter zunächst unerschließbar und vielleicht auch seltsam und befremdlich. Wie werden diese Bewegungen lesbar? Hier setzt die Funktion des Dramaturgen ein, der ihnen einen Kontext verleiht. Das enorme Bedeutungspotential des Tanzes sei nach Runge gerade heutzutage sehr wichtig:

„Unsere Zeit leidet unter festgelegten Wahrnehmungsperspektiven und Optimierungsstrategien, was sich systemsprengend auf unserer Gesellschaft auswirkt. Der Austausch unterschiedlicher Perspektiven ist fruchtbar. Es gibt verschiedene Horizonte und niemand sollte jemandem einen bestimmten Horizont aufstülpen. Der Polylog ist sehr wichtig, denn heutzutage wird zu viel im Monolog gesprochen. Der moderne Tanz ermöglicht den Aufbruch von Kommunikation und die Loslösung von bestimmten Darstellungskonventionen. Eine Choreografie kann sich beispielsweise auch in einem Stillleben äußern. Hier geht der Tanz aus der Abwesenheit von Bewegung hervor. “

„Wir sind es nicht gewohnt, mit etwas konfrontiert zu sein, was wir nicht gewohnt sind.“

Ferner liege das Potential des Tanzes in der Qualität von Bildern und der Erfahrung von Körperlichkeit. Letzteres kann, wie auch die Kunst, eine therapeutische Wirkung erzeugen. Der zeitgenössische Tanz spielt mit der Lücke der Erfahrung, mit etwas, was wir nicht kontextualisieren können. Hier ließe sich eine Brücke zu der Performancekunst schlagen.

„Die Zusammenarbeit zwischen Künstler und Tänzer ist eine Herausforderung“, meint der Dramaturg. „Der Tänzer erhält dabei den Auftrag, danach zu suchen, was Tanz sein kann.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Januar im Atelierhaus Roter Hahn in Gröpelingen zu sehen. Auf der Finissage am 28. Januar wird die Künstlerin, die selbst eine Tanzausbildung an der Tanzakademie Berlin abschloss, eine Tanzperformance mit und zu Silvanus darbieten. Wir sind auf die Vorstellung dieses interessanten Duos gespannt.

Julika Wagner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.