
Disclaimer: für fragile Männer-Egos ungeeignet
Es muss nicht immer direkt das Patriarchat angezündet werden. Manchmal reicht es schon, wenn beim nächsten Technik-Gespräch exakt dieselbe unnötig detaillierte Erklärung zurückgegeben wird, die fünf Minuten vorher ungefragt von einem Mann an eine Frau verteilt wurde. Willkommen beim Mikrofeminismus: einer kleinen, oft humorvollen Form des Widerstands, bei der männliches Verhalten nicht unbedingt diskutiert, sondern einfach gespiegelt wird.
Denn wenn man ehrlich ist, sind viele alltägliche Situationen nicht so anstrengend, weil sie skandalös sind, sondern weil es Kleinigkeiten sind, die konstant passieren. Das ewige Unterbrechen. Das ungefragte Erklären. Oder das Wiederholen eines Witzes oder sogar Fakts, welcher eine Frau Sekunden zuvor gesagt hat. Genau hier setzt Mikrofeminismus an.
Was ist Mikrofeminismus?
Unter Mikrofeminismus werden kleine “feministische” Handlungen verstanden, die im Alltag eingebaut werden können. Keine große Theorie, eher kleine Störmomente. Irritationen. Mini-Gesten mit maximalem Augenrollen-Potenzial. Meistens wird nur das elendige Verhalten eines Mannes gezielt in Situationen eingesetzt, in denen Männer nicht damit rechnen. Und wenn es nur darum geht, selbst Manspreading in der Bahn zu betreiben. Mikrofeminismus ist deswegen so wirksam und auch augenöffnend, weil meistens mit einer reinen Spiegelung des männlichen Verhaltens gearbeitet wird. Verhalten, das sonst überwiegend Frauen gegenüber gezeigt wird, wird freundlich zurückgesendet. Nicht unbedingt aggressiv, eher unangenehm präzise.
Das können genau die gleichen kleinen Gesten sein, die Frauen im Alltag ertragen müssen, wie beispielsweise Mansplaining. Es kann aber auch heißen, einfach nicht zu lachen bei einem mittelmäßigen Witz. Denn die meisten Frauen wurden so sozialisiert, allein aus reiner Höflichkeit bei jedem Witz eines Mannes zu lachen. Aber das hat nun ein Ende.
Als Einstieg…
Mikrofeminismus kann aber auch bedeuten, bei jeglicher Art von Anrede nur die weibliche Form zu benutzen: “Na Mädels, wie geht es euch?” in einer Gruppe, wo durchaus auch Männer anwesend sind. Oder männlich konnotierte Berufe weiblich zu kontieren: “Ich muss heute unbedingt bei der Elektrikerin anrufen!”.
Mit der Anwendung weiblicher Anrede oder weiblicher Formen, also durch ein dauerhaftes Gendern, aber ohne Genderlücke, wird bestimmt der ein oder andere Mann stark irritiert.
Ganz sensibel werden die meisten, wenn es um bestimmte Hobbys geht. Besonders effektiv wird das Ganze bei Männern, die sich sehr über Nischenthemen definieren: Gaming, Vinyl-Platten, Craft Beer, Rennradfahren oder japanische Messer. Wenn man hier nur mit der gleichen Energie die Männer zurück anlabert oder sogar korrigiert, bekommt man mit hoher Wahrscheinlichkeit die gewollte Reaktion eines gekränkten Egos. Das Einzige, was man hier tun muss, ist, mit einer Selbstverständlichkeit die simpelsten Abläufe zu erklären. Oder die Geschichte des jeweiligen Hobbys zu erläutern. Oder sogar Fun-Facts einzubauen, die das Gegenüber wahrscheinlich schon weiß (oder auch nicht).
Wie und wann setzt man Mikrofeminismus ein?
Kleine Sticheleien können außerdem für eine große Reaktion sorgen. Zum Beispiel Sätze wie “Wenn du sportlich wärst, was wäre deine Lieblingssportart?”, oder “Hast du eigentlich einen Führerschein? Du siehst nicht so aus als könntest du Autofahren.” Eben Dinge, die bei den meisten Männern als gegeben empfunden werden oder Fragen, die Frauen oft gestellt werden.
Wichtig ist vor allem das Timing. Mikrofeminismus funktioniert selten als große Konfrontation. Er lebt von kleinen Situationen, in denen kurz Sand ins patriarchale Getriebe geworfen wird. Dabei wird die Absurdität von männlichem Verhalten sehr deutlich und sorgt für einen Störmoment.
Im Alltag kann das aber auch heißen, sich ausschließlich FLINTA*-Personen als Ärzt*innen zu organisieren. Oder Orte wie Frauen-Fitnessstudios, Frauenfahrschulen und andere Möglichkeiten des FLINTA*-Kontaktes zu nutzen. In direkter Begegnung mit Männern können Interaktionen durch kleine männlich konnotierte Bemerkungen stattfinden.
„Cool, schön, dass du meinen Satz nochmal mit tiefer Stimme präsentiert hast.“ – Bei Wiederholung von einem Witz oder einer Aussage, die eine Frau zuvor getätigt hat.
“Lächle doch mal, dann siehst du viel hübscher aus!”
“Du bist aber frech heute, sind das die Hormone?”
“Deine Bluse ist total niedlich.”
“Sicher, dass du das alleine schaffst? Ist das nicht zu schwer?”
Natürlich scheint es erstmal ungewohnt, solche Sätze selbst zu sagen. Da Frauen aber meist eingeredet wird “das ist gar nicht böse gemeint”, oder “hab dich nicht so”, wird es wohl nicht so schlimm sein, das gleiche Verhalten zu spiegeln. Es geht darum, kleine Irritationen zu erzeugen. Diesen winzigen Moment von: Moment mal, warum fühlt sich das jetzt komisch an?
Spoiler: Weil es sich für Frauen die ganze Zeit komisch anfühlt.
Besonders gut funktioniert Mikrofeminismus deshalb dort, wo männliches Verhalten normalerweise als völlig neutral wahrgenommen wird. Denn viele Gesten gelten erst dann als unangenehm, wenn sie plötzlich Männer selbst betreffen.
Mit Mikrofeminismus gegen Mansplaining
Gegen das elendige Phänomen des Mansplaining hat Mikrofeminismus natürlich auch eine Strategie. Anstatt sich klein reden zu lassen und nur zuzuhören, sollte man auch mal kontern dürfen.
Nach einer erneuten langen Erklärung, wie denn nun die Fußballregeln sind oder was Abseits jetzt wirklich bedeutet, könnte man trocken sagen: „Hm okay, ich glaube ich frag nochmal jemanden, der sich richtig auskennt…”.
“Ach, USBC und Lightning sind nicht das gleiche?”
“Jetzt wo du es sagst, macht es noch weniger Sinn.”
Allgemein geht es darum, nicht zwingend gemein zu sein oder absichtlich verletzlich, sondern mit genau der gleichen unbeholfenen Art zu reagieren, wie sie Frauen abbekommen.
Stell am besten immer das Wissen des Gegenüber in Frage, wenn mal wieder eine lange und unnötige Erklärung gehalten wurde.
Trotzdem sollte dabei darauf geachtet werden, nicht selbst in sexistische Klischees abzurutschen. Frauen als „Dummerchen“ darzustellen, nur um einen Mann bloßzustellen, verfehlt den Punkt. Es geht nicht darum, sich absichtlich inkompetent zu machen, sondern darum, die Mechanik hinter bestimmten Dynamiken sichtbar werden zu lassen.
Mikrofeminismus funktioniert deshalb am besten clever, trocken und leicht genervt – nicht selbsterniedrigend.
Fazit: Klein, aber wirksam
Nicht jede feministische Handlung muss riesig sein. Nicht jede Situation braucht den perfekten Vortrag über strukturellen Sexismus. Denn oft hat man weder Zeit noch Lust, auf strukturelle Dinge aufmerksam zu machen. Die beste Sichtbarkeit dieser Aspekte ist deswegen manchmal einfach, sie selbst zu machen. Dass diese Art von Verhalten endlich reflektiert wird, kann man jetzt nur hoffen.
Manchmal reicht es schon, wenn kleine maskuline Gesten erwidert werden.
Und vielleicht liegt genau darin die Stärke von Mikrofeminismus: Er ist nervig, absichtlich. Ein bisschen nachtragend, aber eben auch wirksam.
Denn vielen Männern geht erst dann ein Licht auf, wenn ihr eigenes Verhalten plötzlich bei ihnen selbst landet.
Huila de Ceitas



Schreibe einen Kommentar