Projekt Friedenstunnel: Religiöses Miteinander

Auf Einladung des Vereins „Friedenstunnel – Bremen setzt ein Zeichen e.V.“ fanden sich Anfang September sechs Vertreter*innen verschiedener Religionen für ein Podiumsgespräch zum Thema „Religiös und tolerant“ ein. Unter der Moderation von Michael Sabass, Zen-Meister aus Bremen, wurde diskutiert, inwiefern sich Glaube und gleichzeitige Offenheit nicht widersprechen müssen. Toleranz und Miteinander wird hier aber offensichtlich nicht nur besprochen, sondern auch gelebt.

Fast alle großen Weltreligionen sind vertreten: Der Islam, das Christentum, Buddhismus und Hinduismus sowie die Baháí’í Religion. Alle eingeladenen Podiumssprecher, sowie die Organisatorin und erste Vorsitzende des Vereins „Bremen setzt ein Zeichen e.V.“, Regina Heygster, haben gemeinsam an dem Umbau des Rembertitunnels zum Wahrzeichen von Frieden mitgearbeitet. Der neue Bremer Friedenstunnel wurde am 06. September feierlich eingeweiht. Anstoß an dieses Projekt gaben die Terroranschläge vom 11. September 2001. In ihrer Begrüßung dankte Regina Heygster den Gästen für ihren Beitrag zu einem ihr so wichtigen Projekt. Den Tunnel zieren nun hunderte Tafeln mit Zitaten aus verschiedenen heiligen Schriften zum Thema Frieden. Es mache sie sehr glücklich zu sehen, dass Menschen stehen bleiben und über diese Zitate diskutieren und nachdenken, so Heygster. Damit sei schon ein großes Ziel des Projekts erreicht.

„Im Glauben gibt es keinen Zwang.“ (Sure 2, Vers 256)

Regina Heygster vor dem fertigen Friedenstunnel in Bremen

(c) Bremen setzt ein Zeichen e.V.

So zitiert der Islamwissenschaftler Bilal Güney den Koran auf die Frage hin, inwiefern man andere von dem eigenen persönlichen Glauben überzeugen kann. Glaube habe keinen Wahrheitsanspruch und könne nicht erzwungen werden. Natürlich sei er als Muslim dazu angeregt, die Lehre des Islams zu verbreiten. Ob der Angesprochene jedoch zuhöre und diese Lehre aufnehme, das entscheide nur Allah. Güney wünsche sich, dass Leute die Unterschiede der verschiedenen Religionen zelebrieren würden, anstatt sich an eben diesen unnötig zu stören. Nur freier Wille kann zu einer Ansicht überzeugen. Diesen Ansatz unterstützt auch Sedat Sevimli, Mitglied der Alevitischen Gemeinde Bremen. Das Ziel aller Religionen sei seiner Ansicht nach das Gleiche, so Sevimli, sie gehen nur verschiedene Wege dorthin.

Moderner Glaubensansatz: Gotteserfahrung

Ähnlich sieht es auch Volker Keller. Die Zeiten haben sich geändert, so der Beauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche, und damit auch die Prioritäten der Glaubensvermittlung. Die Glaubenserfahrung sei der Schlüssel zum persönlichen Verständnis von Religion und diese Offenbarung Gottes sei vielfach möglich. Dies bringe er auch seinen Konfirmand*innen bei, wenn er im Konfirmationsunterricht andere Religionen bespricht. Dr. Menno Visser, praktizierender Hindu und Mitglied des Bremer Zen-Kreises, fügt hinzu, dass die Erfahrung von Religion zu Religion unterschiedlich ist. Der Hinduismus lehrt eine Erfahrung von absoluter Losgelassenheit vom Ich-bezogenen Denken. Dies sei die wahre göttliche Erfahrung, so Visser.

Gelebte Toleranz

Nach der Veranstaltung findet man die verschiedenen Vertreter*innen erneut tief im Gespräch miteinander. Volker Keller, evangelischer Pastor, erkennt im Publikum mehrere seiner alten Zen-Meister wieder. Bei dem anwesenden Nepal Lodh, dem Vorsitzenden der deutsch-indischen Hindu-Gesellschaft, habe er sogar seinen ersten Kopfstand gelernt, wie er dem Publikum verriet. Menno Visser, selbst ein ehemaliger Schüler von Nepal Lodh, steigt in das Gespräch mit ein, teilt seine eigenen Erfahrungen aus Lodhs Kursen mit. Das Bild von Gemeinschaft gibt ein Vorbild für das, was die verschiedenen Vertreter hier deutlich machen wollten: Religiöse Ansichten sind weder Anlass noch Grund, andere Gesinnungen nicht zu tolerieren. Im Sinne ihres eigenen Projektes leben die Podiumssprecher den idealen Fall von einem friedlichen Miteinander vor.

Auf der offiziellen Seite des Vereins findet ihr weitere Informationen zum Projekt Friedenstunnel und der Arbeit des Vereins.

Kim-Nicola Hofschröer

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