Unsere Frau der Woche: May Ayim

„nachdem sie mich erst anschwärzten
zogen sie mich dann durch den kakao
um mir schließlich weiß machen zu wollen
es sei vollkommen unangebracht
schwarz zu sehen.“

1985 erschienen diese Zeilen im Sammelband „Blues in schwarz weiß“, verfasst von May Ayim. Exotik, so nennt sie das Gedicht. Am 03. Mai diesen Jahres wäre sie 57 Jahre alt geworden.

Der Weg zur eigenen Identität

May Ayim wird 1960 in Hamburg geboren. Als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen ist sie afrodeutsch. Ein Begriff, den es zu dieser Zeit noch gar nicht gibt, den May Ayim aber unmittelbar prägen wird. Sie wächst zunächst im Heim auf, kommt dann aber in eine Pflegefamilie, die sie mit nach Nordrhein-Westfalen nimmt. Damals wird sie auf den Namen Sylvia Brigitte Gertrud getauft. Der Weg zu May Ayim war lang. Durch den verankerten Rassismus in Deutschland, über den niemand so richtig reden wollte, an den manche nicht einmal glaubten, war er voller Hürden. Eine ganz besondere Wendung nimmt er, während die Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde einen Gastbeitrag an der Freien Universität in Berlin hält. Es ergibt sich, dass May Ayim unter den Studierenden sitzt, zu den Audre Lorde spricht. Audre Lorde beobachtete die schwarzen Studierenden, die zwar zusammen im Hörsaal saßen, jedoch keinerlei Beziehung zueinander hatten. Sie bat die schwarzen Studierenden nach der Vorlesung im Raum zu bleiben, sich kennenzulernen, Gemeinsamkeiten zu finden und zu nutzen. So, erzählt die Soziologin Natasha A. Kelly in einem Taz-Interview, entstand die zweite Welle der afrodeutschen Bewegung.

Farbe bekennen

May Ayim war eine der Gründer*innen der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland, die bis heute Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland vertritt und Rassismus und Benachteiligung aufzeigt und dagegen kämpft. Im selben Jahr bringt May Ayim das Buch „Farbe bekennen“ raus und veröffentlicht damit gleichzeitig ihre Diplom-Arbeit im Rahmen ihres Pädagogik-Studiums. Es gilt als erste forschungsbasierte Arbeit zur afrodeutschen Geschichte und wird als Standardwerk angesehen. Zwei Aspekte sind besonders ausschlaggebend für die Wichtigkeit der Arbeit. Zum einen wurde zum ersten Mal der deutsche Kolonialismus von Schwarzen Frauen kritisiert, so Natasha A. Kelly, und zum anderen entstand der Begriff afrodeutsch. Mit dem Schritt, sich selbst zu benennen, lösten Schwarze Frauen rassistische Fremdbenennungen ab. Natasha A. Kelly vergleicht dies mit einem Schritt aus der Unsichtbarkeit.

Stift, Papier, Feder und Buch

Elfie Siegel
© Seniorenlotse ; Elfie Siegel

Muttersprache

Es geht immer wieder um Sprache und wie man sie nutzen kann. Sie war ihre große Liebe. Denn May Ayim war zwar Aktivistin, Pädagogin, Logopädin und Wissenschaftlerin, aber vor allem war sie Dichterin. Sie hat ihre Gedichte immer frei vorgetragen, in einer Mischung aus Rap und Poesie. Nachdem May Ayim die Diagnose Multiple Sklerose erhält, beendet sie am 09. August ihr Leben. Ihre Stimme jedoch bleibt und ist in Zeiten, in denen Populismus und Rassismus in Nadelstreifen daherkommt, vielleicht wichtiger denn je.

Katja Hoffmann

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