Unsere Frau der Woche: Waris Dirie

Wüstenblume. Der Name ihres ersten Romans und die deutsche Übersetzung ihres eigenen Vornamens zugleich. Waris Dirie ist eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die bedeutendste Kämpferin der „Female Genital Mutilation“-Szene (kurz FGM ). Ihr Schicksal hat ihr Lebenswerk geschaffen.

Waris genaues Geburtsdatum ist bis heute nicht bekannt; man vermutet, sie wurde 1965 in der Region Gaalkacyo, Somalia, geboren. Stammen tut sie aus einer muslimischen Nomadenfamilie, die dem größten Clan Somalias „Darod“ angehörig ist. Über ihre Familie ist bekannt , dass sie viele Geschwister hat. In ihrem Roman „Nomadentochter“ sagte sie: „Ich wurde in der somalischen Wüste geboren, und ich weiß nicht, wie viele Kinder meine Mutter auf die Welt gebracht hat. Denn viele Babys starben gleich nach der Geburt.“

FGM und Waris Dirie

Frauenbüsten aus Stein von hinten

(c) Annabell Karbe

Als Waris fünf Jahre alt ist, wird sie einer, besonders in Afrika auftretenden, Tradition unterzogen, der viele Mädchen und junge Frauen, zum Teil sogar Säuglinge, zum Opfer fallen: Weibliche Genitalverstümmelung. Der destruktive Eingriff einer Beschneidung soll dazu führen, dass sie ihre sexuelle Lust verlieren und temperamentvolle Charakterzüge unterdrückt werden. Mittel dazu sind ohne Narkose vorgenommene Verletzungen der weiblicher Geschlechtsteile, partielle oder sogar ihre vollständige Entfernungen.
Waris hatte Glück im Unglück gehabt, denn tödliche Folgen durch unzureichende Hygiene sind keine seltene Folge; eine ihrer Schwestern und zwei Cousinen mussten die Prozedur mit ihrem Leben bezahlen. Dennoch ist sie, wie nahezu alle Betroffenen mit schweren gesundheitlichen Konsequenzen konfrontiert, sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht.

Von der Wüste ins Modebusiness

Im Alter von 13 Jahren nimmt Waris einen weiten Weg durch die Wüste auf sich, um vor einer Zwangsverheiratung mit einem alten Mann zu flüchten. In Mogadischu sucht sie Zuflucht bei Verwandten, die ihre Flucht allerdings zum Grund nehmen, sie abzustoßen. 1981 ermöglicht die Suche ihres in London lebenden Onkels nach einem Dienstmädchen den Weg in die Hauptstadt des Vereinigten Königsreiches. Der damals somalische Botschafter muss aufgrund des Bürgerkrieges in Somalia kurze Zeit später das Parlament verlassen und auch Waris ergreift die Flucht. Unterkunft findet sie zunächst auf der Straße, gelegentlich in Heimen des YMCA und eine Stelle als Putzkraft einer Fastfood-Kette verschafft ihr finanzielle Mittel. Star-Fotograf Terence Donovan entdeckt die 18-jährige Waris, bringt sie 1987 erstmals, gemeinsam mit der damals noch unbekannten Naomi Campbell, als Model vor die Linse der Kamera. Viele Jobs für große Marken lassen sie immer berühmter werden. 1997, am Höhepunkt ihrer Karriere, entscheidet sich Waris erstmals, ihre Reichweite für ihr Schicksal zu nutzen. Interviews und Reden vor großem Publikum machen sie zu einer Kämpferin gegen FGM, so dass sie im gleichen Jahr zur UN-Sonderbotschafterin gegen weibliche Genitalverstümmelung ernannt wird.

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Autobiografie und die Desert Flower Foundation

Das selbst ausgelöste Medienecho nutzt Waris Dirie und veröffentlicht 1998 ihren ersten Roman „Wüstenblume“ (im Original Desert Flower), der 2008 sogar (mit großem Erfolg) verfilmt wurde. In den folgenden Jahren werden ihr reichlich Preise verliehen, etliche Unternehmen verbünden sich mit ihr zu gemeinsamen Kampagnen, sie hält immer wieder Reden vor wichtigen Persönlichkeiten. So führte eine dieser im Jahre 2006 dazu, dass die EU den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung zum Teil ihrer Agenda macht; verschärfte Gesetze und Präventionsmaßnahmen werden initiiert. 2002 gründet Waris ihre eigene Organisation, die heute „Desert Flower Foundation“ heißt und deren Hauptsitz in Wien liegt. Hier werden Spenden gesammelt, die ihre Verwendung in Aufklärung und Opferunterstützung finden. 2013 wurde in Berlin ein gleichnamiges medizinisches Zentrum eröffnet, in dem FGM-Opfern weltweit einmalig eine ganzheitliche Behandlung und Betreuung gewährleistet wird; Dirie wird die Schirmherrin.

Als Model, Bestseller-Autorin und Menschenrechtsaktivistin lebt Waris Dirie heute als österreichische Staatsangehörige in Wien. Selber hat sie zwei Söhne, von denen einer der männlichen Beschneidung unterzogen worden ist. Für Dirie stellt sich diese Prozedur aus medizinischen und religiösen Gründen als nicht fragwürdig da.

Chapeau an eine Frau, die ohne Zweifel ein meisterhaftes Lebenswerk geschaffen hat. Chapeau Waris Dirie!

Vivien Koschig

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