Sie ist eigentlich unumgänglich. Beim Scrollen durch TikTok, Instagram oder beim Lesen sämtlicher Kommentarspalten: Die Misogynie im Internet scheint immer weiter zu wachsen. Doch was lässt sich gegen den steigenden Frauenhass ausrichten? Wir als frauenseiten bremen durften eine Veranstaltung zu diesem Thema besuchen und dabei selbst unseren kleinen Beitrag leisten.
Die Veranstaltungsreihe der Zentralstelle der Landesfrauenbeauftragten Bremen (ZGF) „#ERROR Digitalisierung – Fehlermeldung bei der Geschlechtergerechtigkeit“ beschäftigt sich in ihrer siebten Ausgabe mit genau diesem Thema. Unter dem Titel „Bro, komm mal klar: Frauenfeindlichkeit im Netz entgegenwirken“ stellt die Gästin und Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz ihren aktuellen Forschungstand vor.
Geschlechterbilder auf TikTok
Im Rahmen ihrer Studienreihe untersuchte Dr. Götz mit dem IZI die Geschlechterbilder und Werte von Jungen und Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren und wie diese durch soziale Medien beeinflusst werden. Dabei wurde festgestellt, dass TikTok von jungen Menschen mittlerweile als Hauptinformationsquelle und zur politischen und gesellschaftlichen Orientierung genutzt wird. Die Glaubwürdigkeit der Beiträge, die den Jugendlichen dort zugespielt werden, machen sie hauptsächlich an Likes und Kommentaren fest, aber auch daran, wie überzeugend etwas vorgetragen wird. Bei etwa 26 Prozent der befragten Jungen zwischen 13 und 18 Jahren wurde eine anti-soziale, anti-demokratische, anti-feministische und LGBTQ+ feindliche Weltanschauung festgestellt, die maßgeblich von TikTok-Inhalten beeinflusst wurde. Ihnen spielt der Algorithmus häufig Videos über die Manosphere zu, in denen vor allem frauenfeindliche Inhalte vorkommen. Besonders populär sind außerdem Pick-Up Artists, die sich als Frauen-Aufreißer inszenieren und oft (für Geld) Dating-Tipps geben. Sie beschreiben Frauen häufig als selbstsüchtige und manipulative Wesen, die dominiert werden müssen. Dieser Gedanke ist zudem verbunden mit der Ideologie der Incels, die sich als Opfer des Feminismus sehen, weil Frauen ihnen den Sex verwehren, der ihnen zustehe. Durch die Inhalte der Manosphere werden vulnerable, einsame junge Männer immer weiter radikalisiert und zu Gewalt gegen Frauen und auch gegen sich selber aufgerufen.
Um gegen diese Radikalisierung anzugehen, hat das IZI es sich zum Ziel gemacht, TikToks zu produzieren, die Jugendliche mit anti-sozialen, anti-demokratischen, anti-feministischen und LGBTQ+ feindlichen Einstellungen zum Umdenken anregen. Dazu wurden gezielt populäre Ästhetiken der radikalisierenden TikToks aufgegriffen, um pro-soziale und pro-demokratische Werte für die Zielgruppe ansprechend zu verpacken. Die Jungen wollen sich durch TikTok an, aus ihrer Sicht, starken und erfolgreichen Männern orientieren. Um sie zu erreichen, muss ihre Definition eines starken, erfolgreichen Mannes in den Beiträgen (in Teilen) angenommen werden. Anschließend erweitert das IZI in den TikToks das Bild des starken Mannes um Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein und Gewaltablehnung und arbeitet so einer Neudefinition des Männlichkeitsbegriffs entgegen. Das Ergebnis: in 20 Minuten Scrollen hatte schon ein einziges zwölf-sekündiges TikTok einen messbaren Einfluss auf die Werteorientierung, besonders von rechtsorientierten Jungen.
Medienkompetenz und feministische Inhalte
Auch darüber hinaus lässt sich diesen Dynamiken aktiv etwas entgegensetzen. Als Beispiel für feministische Inhalte im Netz durfte für frauenseiten Renate Stümpel zu Wort kommen. Bei den frauenseiten handelt es sich um eine nicht kommerzielle Website mit Blog, Podcast sowie sämtlichen Social-Media-Kanälen. Damit bietet das Magazin nicht nur Informationen und Unterhaltung für die Konsument*innen, sondern auch einen Mehrwert für die Mitwirkenden selbst. Denn diese spezifische Struktur sorgt für ein angenehmes Lernfeld für Medienkompetenz und bietet gleichzeitig eine eigene Community.
Das Magazin ist multigenerational aufgestellt, mit einer Altersspanne von 17 bis 78 Jahren. Neben einem festen Stammteam kommen immer wieder neue interessierte Menschen dazu, was eine strukturierte Einarbeitung ebenso ermöglicht wie ein gemeinsames Wachsen. Als Team optimieren wir uns gegenseitig, da sich die verschiedenen Talente und Interessen oft verzahnen. Es wird sich mehr zugetraut und neue, ungeahnte Skills erworben, um auch als FLINTA-Person die Werkzeuge und das Selbstbewusstsein zu erlangen, im Netz Raum einzunehmen.
Der kollektive Rahmen des Magazins bringt dabei noch einen weiteren Vorteil mit sich, der insbesondere das Kernthema der Veranstaltung betrifft. Wir sind keine Einzelpersonen, die allein dastehen, und sind deshalb nicht so leicht angreifbar. Über heikle Themen lässt sich auch unter Pseudonymen schreiben, ohne sich als einzelne Person zur Zielscheibe von antifeministischen „Männerrechtlern“ zu machen.

Ein Thema, das der Algorithmus liebt
Neben frauenseiten und der Forschung von Dr. Maya Götz gab es an diesem Abend auch eine Einsicht aus der Bremischen Landesmedienanstalt, genauer gesagt von deren Leiterin Cornelia Holsten. Die Landesmedienanstalt ist zuständig für alle Medien außer Print und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zu ihren Aufgaben zählen die Medienregulierung, die Aufarbeitung aktueller Themen sowie die Stärkung von Medienkompetenz. Das Team ist überwiegend weiblich besetzt, wodurch Themen auch aus einer weiblichen Perspektive betrachtet werden.
Auch hier lässt sich die Problematik bestätigen. Jugendliche haben ein hohes Bedürfnis nach Vorbildern, und das wird oft von Rechts befeuert. Die Übergänge zwischen Männlichkeitsbildern und rechter Ideologie sind häufig fließend. Das Thema der Frauenfeindlichkeit ist dabei sehr emotional aufgeladen und wird somit auch vom Algorithmus favorisiert.
Zwischen Regulierung, Bildungsangeboten und Algorithmus
In einer abschließenden Podiumsdiskussion sprachen Cornelia Holsten, Renate Strümpel und Dr. Maya Götz darüber, wie sich den Herausforderungen digitaler Plattformen begegnen lässt.
Im Mittelpunkt stand unter anderem der Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union, der als Verordnung unmittelbar in allen Mitgliedstaaten gilt. Seine Umsetzung gestaltet sich aber schwierig. Die Medienaufsicht ist in den 27 EU-Staaten unterschiedlich organisiert und nationale Interessen erschweren oft ein gemeinsames Vorgehen. Gleichzeitig sind große Plattformunternehmen wie Meta sehr erfahren im Lobbying. In der Diskussion wurde deshalb betont, dass bestehende Regelungen, etwa beim Jugendschutz, konsequenter angewendet und durchgesetzt werden müssten. Deutschland verfolgt zwar das Ziel, Meinungs- und Medienvielfalt zu schützen, doch es fehlt oft an der praktischen Durchsetzungskraft. Klar wurde außerdem, dass die Verantwortung für einen sicheren digitalen Raum nicht allein bei Eltern, Lehrkräften oder Nutzer*innen liegt, sondern auch bei den Plattformen selbst.
Ein weiteres Problem ist die algorithmische Blasenbildung. Viele Menschen bewegen sich vor allem in ihrer eigenen Bubble und bekommen kaum mit, welche Inhalte oder Perspektiven andere zu sehen bekommen. Gleichzeitig verbreiten sich Inhalte in sozialen Medien rasend schnell. Dadurch entstehen unterschiedliche Wahrnehmungen von Realität, die gesellschaftliche und politische Polarisierung zusätzlich befeuern können. Umso wichtiger sind gemeinsames, schnelles Handeln sowie Bildungsangebote, die unterschiedliche Perspektiven zeigen und Orientierung bieten. Themen, die Jugendliche beschäftigen, werden im regulären Unterricht oft gar nicht oder nur am Rande behandelt. Häufig finden sie erst über außerschulische Angebote ihren Weg in die Schulen.
Auch frauenseiten bezieht das in die eigene Praxis ein: Im Austausch mit Jugendlichen wird gezielt gefragt, auf welchen Plattformen sie unterwegs sind und welche Themen sie bewegen. Zusätzlich betonte auch Dr. Götz nochmal, wie eng geschlechtersensible Arbeit und Medienkompetenz miteinander verknüpft sind. Entscheidend sei dabei, Medienkompetenz nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern durch lebensnahe und praktische Gegenangebote zu stärken, die Jugendliche in ihrer Lebenswelt erreichen.
Fazit
Der Abend hat noch einmal deutlich gemacht, dass Frauenfeindlichkeit im Netz kein Randphänomen ist, sondern ein Thema, das Forschung, Medienaufsicht und letztendlich auch den Alltag gleichermaßen beschäftigt. Weder Algorithmen noch Gesetzeslücken lassen sich von einer einzelnen Instanz lösen, es braucht das Zusammenspiel aus Regulierung, Bildung und praktischen Gegenangeboten.
Maxi Burfeindt und Jasmin Hebner



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