,,Könntest du das vielleicht etwas freundlicher formulieren? Du bist viel zu emotional.’’ Stell dir mal vor, dass sei die Reaktion deines Vorgesetzten, nachdem deine Kolleg*in in einem Meeting sachlich, aber bestimmt darauf hinweist, dass ein neues Projekt durch die aktuelle Planung massive Überstunden verursachen wird. Er geht nicht auf die Bedenken ein, sondern weist sie lediglich zurecht, wobei das Inhaltliche gekonnt ignoriert wird.

Definition von Tone Policing
Tone Policing (dt. „Ton-Kontrolle“) ist eine bewusste oder unbewusste Diskussionsstrategie bzw. eine Ablenktaktik, bei der nicht auf den Inhalt des Gesagten eingegangen wird, sondern vielmehr der Tonfall einer Person zum Gegenstand der Diskussion wird. Beim Tone Policing geht es gezielt darum, Argumente oder Aussagen abzuwerten, Diskussionen stillzulegen und Menschen zum Schweigen zu bringen. Besonders marginalisierte Menschen sind von dieser Strategie bzw. Taktik betroffen, z. B. People of Color, Frauen, queere Menschen oder Menschen mit Behinderung und viele mehr.
Warum funktioniert die Taktik so gut?
Auf den ersten Blick wirkt die Forderung nach einem höflichen Ton völlig vernünftig, da wir alle gelernt haben, dass Respekt die Basis jeder Kommunikation ist. Doch genau hier schnappt die Falle zu, denn Tone Policing nutzt unseren tief verankerten Wunsch nach Harmonie als Waffe gegen berechtigte Kritik. Sobald die Debatte von der Sachebene auf die Metaebene verschoben wird, verschwindet das eigentliche Problem aus dem Fokus und wird unsichtbar gemacht. Niemand spricht mehr über die drohenden Überstunden, sondern alle diskutieren nur noch über die Gefühle der Beteiligten.
Gleichzeitig findet eine klassische Täter-Opfer-Umkehr statt. Die Person, die mutig auf einen Missstand hinweist, wird plötzlich zur Störenfried erklärt, während sich derjenige, der den Fehler verursacht hat, als Opfer eines vermeintlich aggressiven Angriffs inszeniert. Dahinter steckt eine grundsätzliche Abwertung von Emotionen. Es wird fälschlicherweise so getan, als ob Gefühle die Rationalität ausschließen würden, obwohl Frustration oder Wut oft die einzig logische und gesunde Reaktion auf Missstände sind.

Wie man es konkret kontern kann:
Um diese Dynamik zu durchbrechen, müssen wir lernen, Tone Policing im Alltag konkret zu kontern. Wenn du selbst davon betroffen bist, hilft es, den Fokus radikal auf die Sachebene zurückzuholen. Du kannst beispielsweise entgegnen, dass dein Tonfall nichts an den vorliegenden Fakten ändert und man deshalb nun wieder über die Überstunden sprechen sollte. Beobachtest du die Situation als Außenstehender bei anderen, solltest du als Verbündeter einspringen und die Person unterstützen. Ein Satz wie, dass du den Ton angesichts der Dringlichkeit des Themas völlig angemessen fandest und man jetzt das Problem lösen müsse, wirkt oft Wunder. Schließlich sollten wir uns auch selbst hinterfragen, wenn wir denken, dass man etwas hätte netter sagen können. Oft stört uns dann nur die Formulierung, weil wir uns nicht mit dem unbequemen Inhalt befassen wollen.
Eine produktive Debattenkultur lebt nicht davon, dass alle Beteiligten permanent lächeln und leise sprechen. Sie lebt davon, dass wir einander zuhören und das auch dann, wenn die Wahrheit unbequem ist und mit Nachdruck ausgesprochen wird. Das nächste Mal, wenn dir jemand sagt, du seist zu emotional, denk daran, dass deine Emotionen keine Schwäche sind. Sie sind der Beweis dafür, dass dir etwas wichtig genug ist, um dafür einzustehen.
Maite



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