Nora Amin: Weiblichkeit im Aufbruch – Eine Rezension

Nora Amin schreibt in der Ich-Perspektive und spiegelt die Rolle der Frau in Ägypten. Sie beschäftigt sich mit Gewalt gegen Frauen und erzählt oft von schwerwiegenden Fällen über sexuelle Belästigungen, Traumata und Ehrenmorde in Weiblichkeit im Aufbruch.

„Es gibt keine Regeln. […] Aber ein Unterschied: das Geschlecht.“ – Nora Amin in Weiblichkeit im Aufbruch, Seite 1.

Nora Amin

(c) Sabrina Körner

Über die Autorin

Nora Armin, 1970 in Kairo geboren, ist Schriftstellerin, Theaterregisseurin und Choreografin. Sie ist Gründerin und künstlerische Leiterin der Lamusica Independent Theatre Group. Außerdem ist Nora Amin Gründungsmitglied der Modern Dance Company des Kairoer Opernhauses und Gründerin des „Landesweiten ägyptischen Projekts für ein Theater der Unterdrückten“. Durch die Kunst verbindet sie Literatur, Tanz und Feminismus zusammen.

Öffentlich sein

Das ist der Titel des ersten Kapitels. Öffentlich sein. Nora Amin betont, wie anders ihr Körper in der Öffentlichkeit reagiert, weil das Umfeld ihn jederzeit beeinflusst. Beim Theater hat sie die volle Kontrolle über ihren Körper und kann durch ihre Bewegungen verschiedene Emotionen in den Menschen auslösen. Sobald sie sich in der Öffentlichkeit Kairos befindet, verändert sich alles. Alleine sind wir wir selbst, aber draußen verstellen wir uns. Die Blicke und die Kommentare der Leute bringen uns dazu, an uns selbst zu zweifeln. Folgendermaßen passen wir uns durch gesellschaftliche Manipulation an.

In Nora Amins Umfeld gehört häusliche Gewalt zum Alltag. Die  Intention für die Männer, darunter Lehrer, Väter oder Ehemänner, ist es, eine Machtposition gegenüber den Frauen zu erlangen. Somit zahlen die Frauen tagtäglich dafür, dass sie Frauen sind.

(c) Alina Diefenbach

„Noch weiß ich nicht, dass Menschen deinen Körper mit ihrem Blick penetrieren können. Dann durchbohrt der Typ, der in der Wäscherei Kleider bügelt, meinen Körper mit seinem Blick. […] Ich bin panisch wegen des Blicks und wegen meines eigenen Körpers. Mein Körper gehört nicht mehr mir. Ich bin das Objekt einer gewaltigen sexuellen Energie, die meine Art zu gehen und mich umzusehen von Grund auf verändert. Sie verwandelt mich von einem Kind in eine Frau. Eine ängstliche Frau.“

– Nora Amin, als sie neun Jahre alt war

Anpassung

Tänzerinnen, ägyptische Wandmalerei

(c)Ägyptischer Maler um 1400 v. Chr. [Public domain], via Wikimedia Commons

Der menschliche Körper ist anpassungsfähig. Im Alltag passt sich unsere Körperhaltung überall an und das bildet unsere Identität. Das heißt, dass die Identität weder stabil noch fest ist, sondern vielfältig. Wir sind viele Ichs miteinander verschmolzen, um in der Gesellschaft überleben zu können. Denn wer das Kollektive verweigert, wird nicht aufgenommen und ab da folgt der Entfremdungsprozess. Als Beispiel nimmt Nora Amin orientalische Tänzerinnen. In Ägypten gehören sie zur Kultur und jede*r liebt es, die anzugucken. Jedoch werden die Tänzerinnen gleichzeitig stark verurteilt und als Frauen aus schlechtem Hause abgestempelt. 

Tahrir-Platz in Kairo: Schauplatz der Hoffnung für Frauen und Männer…

Die ägyptische Revolution im Jahr 2011 war sehr bedeutend für ägyptische Frauen. Sie markierte die Befreiung der Frauen und die Freiheit aller. Sowohl Frauen als auch Männer marschierten zusammen, um die Unterdrückungspolitik der Patriarchen zu eliminieren. Die Gesellschaft veränderte sich zu einem neuen Lebensgefühl: dem Zusammensein. Der öffentliche Raum gehörte von nun an sowohl den Frauen als auch den Männern. Die ägyptischen Frauen fühlten sich so stark wie noch nie und verspürten keine Angst mehr. In dieser Zeit startete Nora Amin das Landesweite ägyptische Projekt für ein Theater der Unterdrückten. Das war die erste landesweite Theaterbewegung, deren Ziel war, alle Bürger*innen aus der Mentalität der Unterdrückung zu befreien. Nora Amin bildete eine Gruppe von 600 Menschen aus ganz Ägypten. Darunter waren auch überwiegend Männer, die sie als Frau und Anführerin akzeptierten.

… und des Terrors zugleich

Frau stuetzt sich in Haende auf gelaender, schwarz weiss bild

© privat ; Robers

Ein Jahr später kam es auf dem Tahrir-Platz zu Gruppenvergewaltigungen. Das war ein geplantes Verbrechen vom Militärrat gegen Frauen, die an der Revolution aktiv teilgenommen hatten. Die Männer umkreisten die Frauen, damit sie nicht den Tätern entkommen konnten. Die Frauen wurden wie ein Stück Fleisch behandelt; von einem Ort zum anderen getrieben und von verschiedenen Männern ununterbrochen vergewaltigt. Das Ziel dieser Grausamkeit war, die Frauen aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Das Gleiche passierte mehrmals Monate später. Die Männer, die versuchten, den Frauen zu helfen, wurden bestraft und gefoltert. 

„Meiner Meinung nach sind Rassismus und Sexismus zwei Seiten derselben Medaille. Fremd sein bedeutet, ein „Ausländer“ zu sein, doch auch der „Andere“ kann sehr weit von uns entfernt sein.“ – Nora Amin 

Vivian Manushi

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