Wellen und Lawinen – Die Berichterstattung über #MeToo

Aus der #MeToo-Bewegung ist längst eine Debatte geworden. Also etwas, dass es zu debattieren gilt. Von dem, was es eigentlich ist – ein mutiger Kampf von Millionen Frauen, und im übrigen auch Männern, denen man zuallererst zuhören sollte – ist nicht mehr viel übrig. Ein Text über Medien, Metaphern und #MeToo.

Influencer: Berichterstattung

Schnipsel von Zeitungen auf einem Haufen

(c) Katja Hoffmann

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien.“ Über diesen Satz von Niklas Luhmann lässt sich bestimmt streiten. Sicher ist aber, dass die Berichterstattung der Medien unsere Gesellschaft beeinflusst. Es geht zum einen natürlich darum, wie oft und in welchem Kontext Medien über ein Thema berichten. Dabei spielt die Nachrichtenwerttheorie eine große Rolle. Redaktionen wählen Nachrichten mithilfe von Nachrichtenfaktoren, wie zum Beispiel Nähe, Aktualität oder Schaden. Wenn also ein Bus in Brasilien verunglückt berichten deutsche Medien vermutlich wenig darüber. Sind allerdings Deutsche unter den Opfern, kommt der Faktor Nähe dazu und der Neuigkeitswert verstärkt sich. Doch auch, wie Journalist*innen Bericht erstatten und welche Wörter sie benutzen spielt eine große Rolle. Sprache hat eine unglaubliche Macht, denn wir brauchen sie, um Dinge richtig einzuordnen. Eine große Verantwortung, der sich, wenn man auf die Berichterstattung über #MeToo blickt, nicht jede*r bewusst ist.

Lawinen, Tsunamis und Wellen

Die Verwendung von negativ konnotierten Metaphern, kennen wir hauptsächlich aus der Berichterstattung über Geflüchete. Worte wie „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingskrise“ sind zu gängigen Begriffen in der Berichterstattung geworden. Geflüchtete werden dadurch mit Katastrophen verknüpft. Auch in der Berichterstattung über #MeToo fällt die Vielzahl der negativ besetzten Metaphern auf. Es wird von Eruptionen, Flutwellen und Tsunamis, die die #MeToo-Bewegung auslöst gesprochen und von Männern, die davon „erfasst“ werden. Die Augsburger Allgemeine spricht von einer „Lawine, die noch immer ins Tal rast und Kollateralschäden anrichtet.“ Naturkatastrophen werden als Bedrohung verstanden. Bei der Art und Weise wie diese Metaphern vorkommen, geht diese Bedrohung allerdings nicht von den Täter*innen aus, sondern von der Bewegung.

Metoo aus Zeitungsbuchstaben, dadrunter viele Zeitungsschnipsel

(c) Katja Hoffmann

Berichterstattung über #MeToo – Sprache ist Macht

Auch der Fakt, dass der Begriff #MeToo-Debatte in der frühen Berichterstattung oft als Synonym für die #MeToo-Bewegung vorkommt, zeigt wie wichtig es ist verantwortungsvoll mit Sprache umzugehen.Tausende Frauen sprechen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt oder sexueller Belästigung und solidarisieren sich. Dieses Ereignis als Debatte zu bezeichnen, suggeriert, dass es okay ist, nicht der gleichen Meinung zu sein. Es legitimiert also, Befürworter*in oder Gegner*in zu sein. What the fuck? Frauen sprechen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung – ist das wirklich etwas was debattiert werden muss?

Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Betroffenen. Genauso wie die Verharmlosung in so mancher Berichterstattung über #MeToo. Der MDR benutzt zum Beispiel in mehreren Artikeln über die #MeToo-Bewegung das Wort „Sex-Skandal“ oder spricht von „erzwungenem Sex“. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung oder Sexismus haben nichts mit Sex zu tun, sondern mit Macht und Gewalt. Eine solche Ausdrucksweise romantisiert nicht nur ein Verbrechen, sondern trägt auch Mitschuld daran, dass die Diskussion darüber, ob Mann noch flirten darf, größer war, als die über strukturellen Sexismus und Gewalt gegen Frauen.

Wir müssen reden!

Nahaufnahme von einer Zeitung

(c) Katja Hoffmann

Anstelle von Verständnis für die Betroffenen und die Diskussion, wie denn so etwas passieren konnte, trat ziemlich schnell eine Verschiebung der Thematik in die Medien. Täter-Opfer-Umkehr at its best. Verschiedene Medien sprachen von einer Hexenjagd auf Männer. In Artikeln wie „Der bedrohte Mann“ spricht der Autor von einem „rhetorischem Hexenlabyrinth“ bei dem selbst der Gutwilligste scheitert und von „hilflosen Reaktionen“ der Männer. In Talkshows wird voll ernsthafter Sorge gefragt, ob jetzt alle Männer unter Generalverdacht stehen. Es ist absurd: Was Männer durch #MeToo verlieren könnten, steht doch in keiner Relation dazu, was eine Person durch sexualisierte Gewalt verliert. Es ist sogar wahrscheinlicher, dass ein Mann in seinem Leben selbst Opfer sexualisierter Gewalt wird, als Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden, wie Teresa Bücker in der oben genannten Talkshow erklärt.

Wenn wir einen großen Teil, von dem was wir über unsere Gesellschaft wissen, durch die Medien erfahren, müssen wir mehr darüber sprechen, wie Journalist*innen Bericht erstatten. Welche Begriffe benutzen sie und in welchem Kontext? Redaktionen vielfältiger aufzustellen und in Kontakt mit Betroffenen zu treten, könnte ein erster Schritt sein.  

Katja Hoffmann

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