Endlich ist er da: der bunteste Monat des Jahres! Was ursprünglich als Protestmonat für LGBTQ+ Rechte gedacht war, wird in den vergangenen Jahren hauptsächlich von Marketingkampagnen großer Unternehmen dominiert. Für den gesamten Juni gibt es Regenbogen-Designs auf Produkten, Regenbogen-Flaggen vor der Tür und eine LGBTQ+ Version des Firmenlogos auf Instagram. Doch so schnell wie die Regenbogenwelle in Supermarktregalen und auf Social Media auftaucht, verschwindet sie im Juli meist wieder. Von Beginn an wirft das in der LGBTQ+ Community die Frage auf, wie aufrichtig diese Solidarität mit der Pride Bewegung wirklich ist.
Alles für den Umsatz (?)
Tatsächlich muss man kein Genie sein, um auf die Idee zu kommen, dass Corporate Pride vermutlich nicht mehr als eine Marketingstrategie ist. Allein in den USA haben LGBTQ+ Personen eine geschätzte Kaufkraft von etwa eineinhalb Billionen Dollar (Stand 2025), von denen US-Unternehmen, die sich dem Marketing-Trend anschließen, jedes Jahr profitieren. Natürlich kann es sein, dass diese Unternehmen ehrlich Haltung zeigen wollen und der Profit, der dabei rausspringt, einfach ein positiver Nebeneffekt ist. Es gibt auch Argumente dafür, dass Corporate Pride trotzdem für mehr Toleranz sorgen kann, auch wenn die Solidarität der Unternehmen rein performativ ist. Allerdings ist mittlerweile auch klar, dass nicht nur die Unternehmen selbst von den höheren Umsätzen im Juni profitieren.
Doppelmoral durchgespielt
Die Organisation Pay Back Pride hat Spendenbelege einer Vielzahl amerikanischer Unternehmen ausgewertet, die Logo und Sortiment für den Pride Month umstellen. Authentische Allys würden an dieser Stelle einen Teil des Profits, den sie durch die LGBTQ+ Community machen, für LGBTQ+ Zwecke spenden. Während einige Wenige dies auch tun, hat Pay Back Pride auf ihrer Website zwei Dutzend Unternehmen hervorgehoben, die genau das Gegenteil machen. Global Players wie Amazon ($670.000), Coca-Cola ($641.192), Google ($450.000), Microsoft ($300.000), T-Mobile ($268.182), McDonald’s ($125.000), Starbucks ($100.000), Pepsico ($90.000) und Spotify ($25.000) spendeten in den vergangenen Jahren erhebliche Summen an Wahlkampfkommittees (PAC’s) republikanischer Politiker. Dadurch unterstützen sie Anti-LGBTQ+ Kampagnen und Gesetzesentwürfe, die sich unter anderem dafür einsetzen, den Zugang zu geschlechtsangleichenden Behandlungen zu erschweren, den Schutz von LGBTQ+ Personen vor Diskriminierung zu minimieren und die finanzielle Unterstützung von LGBTQ+ Organisationen zu begrenzen. Konsument*innen wird also auf der einen Seite suggeriert, ein Unternehmen wäre LGBTQ+ friendly, während es hintenrum mit seinen Einnahmen Kampagnen unterstützt, die die Existenz von queeren und trans Personen bedrohen.

Der Wind dreht sich
In den letzen Jahren, besonders seit Beginn der zweiten Trump-Regierung, hat Corporate Pride spürbar abgenommen. In Zeiten, wo die LGBTQ+ Community sowohl von der Politik, als auch der generellen Bevölkerung wieder massiv attackiert wird, ist ein Firmen-Logo in Regenbogenfarben nicht mehr bloß Marketingstrategie, sondern tatsächlich ein politisches Statement. Für viele Unternehmen scheint es daher schlicht zu riskant, weiterhin Flagge zu zeigen. Doch nicht nur die bunten Kampagnen und Produkte verschwinden so langsam, auch viele LGBTQ+ Organisationen und CSDs (Christopher Street Days) beklagen einen Rückgang von Sponsoren. Allein NYC Pride, der größten und ältesten Pride Demonstration der Welt, fehlten letztes Jahr mehrere hunderttausend Dollar, nachdem große Sponsoren wie Garnier, Mastercard und Nissan ihre Partnerschaft beendeten. Diese Entscheidung wurde von vielen Unternehmen im Zusammenhang mit dem Aufheben von DEI Programmen (Initiativen für mehr Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion) getroffen, nachdem die republikanische Regierung Institutionen, die solche Maßnahmen unterstützen, mit erheblichen Konsequenzen drohte.

Spürbare Folgen
Nicht nur in Amerika streichen Unternehmen nun sämtliche Vielfaltsprogramme, auch deutsche Konzerne wie der Softwareriese SAP haben sich inzwischen dem Willen der Republikaner unterworfen. Autohersteller Ford hat seine DEI Programme in den USA ebenfalls eingestellt, obwohl sich das Unternehmen seit Jahren für LGBTQ+ Rechte einsetzt und das Mitarbeiternetzwerk „Ford Pride“ sogar mehrfach für sein besonderes Engagement ausgezeichnet wurde. In Deutschland nimmt das Unternehmen, dessen europäische Niederlassung seinen Hauptsitz in Köln hat, zwar weiterhin am Kölner CSD teil, allerdings fällt die finanzielle Unterstützung wohl deutlich kleiner aus. Die CSDs Berlin und Hamburg verzeichnen gleichermaßen einen Rückgang an Spenden, insbesondere von amerikanischen Firmen. Doch auch bei regionalen Sponsoren, auf die sich beispielsweise der CSD Schwerin jahrelang verlassen konnte, geht die Spendenbereitschaft zurück. Und das, obwohl CSD-Events mittlerweile viel höhere Kosten haben, hauptsächlich wegen verstärkter Sicherheitsmaßnahmen, um Teilnehmende vor Angriffen von Rechtsextremisten zu schützen.
Und jetzt?
Corporate Pride scheint langsam auszusterben. Das ist vor allem auch ein Anzeichen der allgemeinen Stimmungsverschiebung in der Gesellschaft gegen queere und trans Personen. Auf den ersten Blick ist das erstmal beängstigend, es bringt aber auch positive Entwicklungen mit sich. Wenn Corporate Pride abnimmt, können Unternehmen die LGBTQ+ Community nicht länger für eine bloße Umsatzsteigerung ausnutzen. Gleichzeitig können Konsument*innen sich sicher sein, dass solche Unternehmen, die trotz der bedrohlichen politischen Lage zu der LGBTQ+ Community stehen, das aus ehrlicher Überzeugung tun. Außerdem können wir Unternehmen, die konservative Politiker unterstützen, Konsequenzen spüren lassen, beispielsweise über die Website von Pay Back Pride. Für CSDs könnte die Lage langfristig noch schwieriger werden, wenn Unternehmen, die ihre Unterstützung bisher nur reduzierten, gar nicht mehr spenden. Generell sind diese Events immer auf Unterstützung und Spenden angewiesen, wer also helfen will, sollte die Website des lokalen CSD besuchen. Denn jetzt haben wir, als LGBTQ+ Community und Allys, es in der Hand, aus dem Pride Month wieder einen Protestmonat zu machen.
Jasmin Hebner


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