Peggy Mädlers Geschichten sind mehr als Erzählungen über die Vergangenheit. Sie handeln von Fragen, die bis in die Gegenwart reichen – von Anpassung, Widerspruch, und davon, wie Menschen in komplexen Systemen ihren eigenen Weg finden. Bald ist sie in Bremen zu Gast und liest aus ihrem neuen Roman Selbstregulierung des Herzens.

Während unseres Gesprächs wirkt Mädler offen und zugewandt. Obwohl wir uns nur per Video-Call treffen konnten, entsteht schnell eine vertraute Stimmung. Sie lacht viel, spricht überlegt und nimmt sich Zeit für ihre Gedanken, anstatt vereinfachte Antworten zu liefern. Man merkt sofort, dass sie gewohnt ist, genau hinzuhören und differenziert zu formulieren. Wie sich im Gespräch zeigt, ist das kein Zufall, sondern ein zentrales Merkmal ihrer Arbeit.
Mädler arbeitet als Autorin und Dramaturgin. Aufgewachsen ist sie in Dresden und hat den Systemwechsel der DDR als Jugendliche erlebt. Diese Erfahrung prägt ihr Schreiben bis heute. Viele ihrer Texte bewegen sich zwischen persönlicher Erinnerung und gesellschaftlichen Strukturen. Es geht um Alltag, um Beziehungen, aber stets auch um die Frage, wie Menschen in größeren Zusammenhängen handeln und sich positionieren.
Von der Bühne zum Buch
Ihre künstlerische Arbeit beginnt Mädler im Theater, und kommt erst mit etwa dreißig zum Schreiben. Auslöser ist die Idee für ihren ersten Roman Legende vom Glück des Menschen, und der Wunsch, diese Geschichte „leiser“ zu erzählen:
„Das Theater empfinde ich immer schon als extrovertierter. Mit einem Buch kommt man besser in eine Art Zwiegespräch, zwischen der lesenden Person und mir als Autorin. Das hat viel mehr Intimität.“
Auch das Schreiben selbst ist ein introvertierter, teils einsamer Prozess, erzählt Mädler. Kollaborative Projekte wie Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat, das im gemeinsamen Schreibprozess entstand, schätzt sie daher besonders. Ebenso freut sie sich auf den Moment, in dem ihre Bücher erscheinen. Plötzlich reist sie von einem Ort zum nächsten, steht auf Bühnen und hält Lesungen. Dabei geht es um mehr als nur Präsentation. Auf ihren Reisen begegnet Mädler ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten, führt Gespräche mit dem Publikum und sammelt Eindrücke aus verschiedenen Städten: „Man kommt so ein Stück weit raus aus der eigenen Bubble und lernt ganz andere Umstände kennen.“
Dass Mädler überhaupt schreibt, hat auch mit einem sehr persönlichen Impuls zu tun. „Ich habe mal gehört, Schreiben ist auch eine Form, zu versuchen, sich verständlich zu machen.“ Als Jugendliche erlebt sie oft, dass ihr die richtigen Worte erst im Nachhinein einfallen: „Ich bin nicht schlagfertig in vielen Situationen. Ich habe oft nachts wach gelegen und mir überlegt, was ich hätte sagen können.“ Aus diesen inneren Dialogen entsteht etwas, das sie später literarisch weiterführt. Schreiben wird für sie zu einem Raum der Reflexion, in dem ihre Gedanken Zeit bekommen, sich zu entfalten. Die Themenauswahl trifft Mädler ganz instinktiv: „Einen Roman zu schreiben dauert sehr lange und braucht viel Durchhaltevermögen“, erklärt sie. „Deshalb nehme ich Fragen, die mich wirklich interessieren, die mich selbst umtreiben.“
Diese Fragen entstehen jedoch nicht nur am Schreibtisch. Als Teil der Recherche für ihre Romane führt Mädler viele Gespräche und Interviews – mit Programmierer*innen, Krankenhauspersonal, oder mit Zufallsbekanntschaften aus ihrem eigenen Umfeld. „Das ist wie in die Pilze gehen“, sagt sie lachend. „Ich brauche jemanden, der sich auskennt und mir zeigt, worauf ich achten muss.“ Dadurch entsteht ein ganz anderes Verständnis, zum Beispiel für die Arbeitswelten von Menschen in einer bestimmten Zeit. Oft begegnen ihr auch sehr berührende oder unterhaltsame Anekdoten. Solche Momente greift Mädler auf und webt sie liebevoll und mit spürbarem Humor in ihre Geschichten ein.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Mädlers Texte kreisen um eine zentrale Frage: Wie wirkt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein?
“Eine Vergangenheit, die einfach nicht zu Ende ist, die aus der Gegenwart heraus immer noch spürbar ist. Das war in den letzten Jahren vor allem die DDR Vergangenheit, und auch die 90er und Nullerjahre. Wie diese Umbruchs-Erfahrungen heute noch sichtbar sind, bis ins Heute reichen. Das hat mich interessiert, deswegen habe ich zurückgeschaut.”
In diesem Kontext beschäftigt sie sich viel mit Anpassung und Widerstand in politischen Systemen. Über die Jahre erlebt Mädler in zahlreichen Gesprächen und Interviews, wie Menschen über ihre eigene Rolle in dem autoritären DDR-System, sowie in der Transformation nach dem Mauerfall nachdenken.
“Anpassung ist ja keine binäre, einmalige Entscheidung von ‘entweder laufe ich mit oder nicht’… Das ist ein Wechselspiel aus unterschiedlichsten Situationen und Menschen, mit der Frage der eigenen Hintergründe oder Umstände, in denen man diese Entscheidung immer wieder neu austariert und ausbalanciert.”
Diese Momente der Selbstreflexion haben sie sehr gerührt und nachhaltig geprägt. Daher ist es ihr ein besonderes Anliegen, solche Perspektiven auch in ihren Romanen darzustellen.
“In der öffentlichen, medialen Debatte höre ich davon ganz selten. Man hat immer das Gefühl, dass man die Selbstreflexion an die Ostdeutschen herantragen, sie aufklären muss, aber nicht, dass dieser Impuls von ihnen selbst kommt. Aber ich erlebe das eher umgekehrt, dass das Aufwachsen im System DDR fast zwangsläufig zu einer Betrachtung von sich selbst in zwei unterschiedlichen Systemen führt.”
Gleichzeitig ist die Frage nach Anpassung und Widerstand auch heute wieder relevant. „Geht man in den Rückzug oder kämpft man? Wie viel Hoffnung lässt man zu?“, fragt Mädler. In Bezug auf die aktuellen politischen Entwicklungen beobachtet sie eine wachsende Erschöpfung und einen starken Rückzug ins Private. Obwohl sie dafür Verständnis hat, beunruhigt sie diese Dynamik.
Ein Roman voll “technischer Herzlichkeit”
Diese Themen greift Mädler auch in ihrem aktuellen Roman Selbstregulierung des Herzens auf. Er erzählt von den Lebenswegen mehrerer Figuren in der DDR, über die Wendezeit hinweg bis in die heutige Zeit. Ausgangspunkt für das Buch war für Mädler die Auseinandersetzung mit der Kybernetik. Schon während ihrer Promotion begegnet ihr der Begriff, der ursprünglich aus der Systemtheorie stammt und sich mit Steuerung und Regelungsprozessen in komplexen Systemen beschäftigt.
“Und eine Gesellschaft ist natürlich auch ein höchst komplexes und dynamisches System. Da war eigentlich sofort die Idee und auch die Faszination, dieses sehr technische Vokabular der Kybernetik auf gesellschaftliche Beziehungen anzuwenden. Wie verhalten sich Figuren in einem System, wie regulieren sie ihre Gefühle, ihre Gedanken? Das ist eine kybernetische Frage und die hat mich sofort interessiert.”

Diese Idee verband sich mit Mädlers Wunsch, die DDR aus einer ökonomischen Perspektive zu beleuchten. Besonders faszinierte sie der Versuch einer Wirtschaftsreform in den Sechzigern, der Widerspruch, dass ausgerechnet in einem stark kontrollierten System wie der DDR kurzzeitig über mehr Selbstregulierung nachgedacht wurde. Eine ihrer zentralen Figuren ist ein Programmierer, der mithilfe von Rechenmodellen und Automatisierung versucht, wirtschaftliche Prozesse zu optimieren. Seine Generation ist stark vom technischen Fortschritt geprägt und hat zugleich gelernt, Gefühle zu kontrollieren und sich dem Kollektiv unterzuordnen. Hier nutzt Mädler die Sprache der Kybernetik, ihre “technische Herzlichkeit”, um über Emotionen zu sprechen, die ihre Figuren nicht ausdrücken können. Diese Verbindung von gesellschaftlichen Strukturen und inneren Prozessen bildet die Grundlage für das, was Mädler unter „Selbstregulierung des Herzens“ versteht.

Feministische Perspektiven von Ost bis West
Selbstregulierung hat für Mädler auch eine geschlechtsspezifische Dimension. Ihre weiblichen Figuren bewegen sich zwischen Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Besonders interessiert Mädler der Unterschied zwischen ost- und westdeutschen Erfahrungshorizonten. Sie erklärt mir, dass die Gleichberechtigung in der DDR vor allem auf struktureller Ebene und über Erwerbstätigkeit angelegt war, während sie im Westen eher sprachlich und über eine starke Theoriebildung verhandelt wurde.
Mädler betont, wie wichtig es ist, diese unterschiedlichen Perspektiven ernst zu nehmen. „Man kann nicht von einem einheitlichen Erfahrungs- und Sprachraum ausgehen. Wir müssen viel zuhören, anstatt unsere eigenen Maßstäbe auf andere zu übertragen.“ Gerade heute, wo Frauen- und queere Rechte international unter Druck geraten, sei es umso wichtiger, innerhalb feministischer Bewegungen zusammenzuarbeiten.
Denken in Widersprüchen
Für Mädler ist klar: Gesellschaftliche Wirklichkeit lässt sich nicht auf einfache Formeln reduzieren. Gerade deshalb erzählt sie ihre Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven. Ihre Figuren reagieren verschieden, widersprechen sich, treffen unterschiedliche Entscheidungen. Genau darin liegt für sie die politische Kraft von Literatur. Bücher schaffen Resonanzräume. Orte, an denen man sich selbst wiederfindet, aber auch in andere Perspektiven hineinschlüpfen kann. Damit möchte sie vereinfachende Bilder aufbrechen und zur Auseinandersetzung mit Widersprüchen einladen.
Diese Haltung versteht sie auch als Gegenentwurf zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. In politischen Debatten, aber auch in sozialen Medien beobachtet sie eine zunehmende Zuspitzung, schnelle Urteile und den Wunsch nach klaren Feindbildern. Durch ihre Texte versucht Mädler wieder mehr Geduld, Differenzierung und Offenheit zu ermöglichen. „Ich würde mir wünschen, dass wir nicht immer den einfachen Lösungen hinterherlaufen, auch wenn die Sehnsucht danach verständlich ist.“ Dabei bleibt für sie entscheidend, dass Menschen sich selbst als handlungsfähig begreifen. Auch innerhalb von Systemen, die kompliziert und schwer durchschaubar sind. „Es macht einen Unterschied, wie man sich selbst verhält, welchen Impuls man setzt.“
“Lust auf Gegenwart”
Wie es für Mädler weitergeht, weiß sie bereits – zumindest thematisch. Nach vielen Jahren, in denen sie sich intensiv mit der DDR und ihren Nachwirkungen beschäftigt hat, richtet sie den Blick nun etwas stärker auf die Gegenwart.
„Ich habe im Moment so eine Sehnsucht, dass sich die erzählte Zeit mehr der Erzählzeit annähert, dass man mehr im Moment bleiben kann mit dem Schreiben. Da freue ich mich drauf!”
Inhaltlich möchte sie sich in ihrem nächsten Projekt mit dem Gesundheitssystem beschäftigen. Ihr neuer Roman soll im Krankenhaus spielen. Ein öffentlicher und gleichzeitig extrem persönlicher Raum, in dem technische Abläufe, individuelle Schicksale und existenzielle Fragen aufeinandertreffen. Vorher freuen wir uns aber erstmal, Peggy Mädler hier in Bremen begrüßen zu dürfen. In Kooperation mit dem Theater Bremen und dem Bremer Bündnis haben wir sie am 19. April zu einer Lesung aus Selbstregulierung des Herzens eingeladen. Kommt vorbei!
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Sophie Wichert



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