Vereinbarkeit in der Praxis #1

Dies ist das erste Interview in unserer neuen Reihe zum Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Praxis“. Zu diesem Thema wollen wir mehrere Frauen in verschiedenen Altersgruppen und aus verschiedenen Arbeitsgebieten befragen, wie sie Arbeit und Kinder unter einen Hut gebracht haben oder bringen.

Unsere erste Interviewpartnerin ist Jana Jürgs, die als Lektorin für ältere deutsche Literatur seit 2009 an der Universität Bremen arbeitet. Nach einem Germanistik- und Philologiestudium lehrte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der niederdeutschen Philologie in Greifswald, wo sie zum Thema Reformationsdiskurs in Hamburg promovierte. Nachdem sie sowohl in Osnabrück als auch in Münster lehrte, kam sie nach Bremen. Jana, heute 43, ist seit 2013 geschieden und hat vier Kinder, einen Sohn und drei Töchter, im Alter von neun, elf, vierzehn und fünfzehn Jahren.

Was, beziehungsweise auch wer, hat geholfen, die Vereinbarkeit umzusetzen?

Ich bin hier eventuell die falsche Frau für diese Frage, denn eine Vereinbarkeit war von Anfang an für mich überhaupt nicht geplant. Was bei mir immer geplant war, war Beruf. Das lag schon von meiner Herkunft auf der Hand, da meine Mutter immer gearbeitet hat und es nie eine Diskussion war. Ich hätte das auch nicht diskutiert, wenn nicht der passende Mann dazugekommen wäre. Und es war für ihn eine ganz klar Sache: Wenn es irgendwie möglich ist, Kinder zu bekommen, will er Kinder haben. Deswegen hat sich das dann überhaupt ergeben. Er hat das mitgetragen und durch ihn kam die Vereinbarkeit erst zustande.

Was war die Reaktion von Partner, Freunden und Kollegen?

Mein Partner war zu dem Zeitpunkt, wie gesagt, mit der Auslöser. Das ist eine ganz klar gemeinsame Entscheidung gewesen. Meine Freunde waren eher erstaunt, weil ich eben immer gesagt habe: „Ich weiß gar nicht ob ich Kinder haben will“. Kollegen haben der Entscheidung zu dem Zeitpunkt sehr zugestimmt, auch die männlichen Kollegen. Für die war ich dann quasi das erfolgreiche Beispiel und der Anstoß, es auch zu versuchen. Und die Vorgesetzten haben immer nur gefragt: „Kriegen Sie das hin?“, dann hab ich gesagt: „Ja,“  und dann haben sie gesagt: „Gut.“ Da gab es keine Diskussion. Die einzigen, die es problematisch gesehen haben, war die Familie: „Wie willst du das alles schaffen?“, obwohl sie alle selber, wie eben meine Mutter, immer gearbeitet gehaben.

Was müsste auf staatlicher Basis oder in Unternehmen geändert werden, damit die Vereinbarkeit noch leichter umsetzbar wird?

Ich weiß nicht, ob es nicht eher um eine allgemeine gesellschaftliche Anerkennung geht, ob das nicht mehr der Punkt ist. Wir sind nicht so weit, dass die arbeitende Mutter voll anerkannt ist. Das erlebe ich ja selber, denn ich bin zum Teil die „Rabenmutter“, weil die Kinder im Hort sind. Und auch eine Akzeptanz von Karriereplanung fehlt, es ist in der weiblichen Karriereplanung so wenig drin. Von der Seite der Unternehmen her fehlt die Flexibilität. Und eine größere Selbstverständlichkeit, denn alle reden von Multitasking, aber niemand lässt es uns machen. In diese Richtung müsste es gehen.

Was für Erfahrungen hast Du daraus mitgenommen? Was für Ratschläge könntest Du anderen Frauen geben?

Dass es geht, wenn man es will. Eine ganz wichtige Entscheidung ist, glaube ich, dass Frauen die Möglichkeit bekommen, frei zu entscheiden. Will ich ein Kind oder will ich kein Kind? Fast keine Frau entscheidet das frei. Wir können, wenn wir wollen, aber wir müssen nicht, wenn wir nicht wollen. Aber wenn wir wollen, dann sollte uns die Möglichkeit gegeben werden, es auch zu tun. Es läuft wieder auf gesellschaftliche Anerkennung raus. Gerade auf das akademisches Feld bezogen benutzen es ganz viele Frauen als eine Entschuldigung und das sollte auch nicht sein. Gerade wir können und wenn wir nicht, wer dann? Es ist nicht zu spät oder zu früh. Wenn man will, dann sollte man.

Gibt es noch etwas, was Du gerne hinzufügen würdest?

Es ist eine wunderschöne Sache Kinder zu haben. Man hat den Beruf und man hat die Kinder und damit hat man immer etwas. Also wenn es im Beruf mal gar nicht läuft, dann sind immer noch die Kinder da. Manchmal läuft natürlich auch gar nichts. Aber so hat man halt immer eine Möglichkeit, glücklich zu sein, weil man zwei Leben lebt. Es lohnt sich, aber es ist auch kein Untergang, wenn nicht. Das ist die andere Geschichte. Aber ich finde, man sollte es versuchen.

Kim-Nicola Hofschröer

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